In Wismar wird an diesem Abend nicht lange gezögert. Kaum hat der Fernsehmoderator die TV-Wahlarena zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern eröffnet und die beiden Kontrahenten Erwin Sellering (SPD) und Lorenz Caffier (CDU) vorgestellt, dreht sich auch schon alles um die AfD

Eigentlich arbeiten Sellering als Ministerpräsident und Caffier als Innenminister im Nordosten der Republik seit Jahren gut zusammen und würden dies gerne auch weiterhin tun. Die beiden Männer sind per du. Doch um die von der SPD geführte große Koalition zu retten, müssen sie am 4. September erst einmal eine Wahl überstehen; und die wird auch wegen der starken Rechtspopulisten nicht einfach für sie werden. 

120 Bürger dürfen den Kandidaten im Wismarer Fernsehstudio ihre Fragen stellen. Gleich der erste, freudig animiert vom NDR-Moderator, will wissen, was die amtierende Landesregierung denn falsch gemacht habe, weil die AfD mit ihrem Antiflüchtlingskurs in den Wahlumfragen bei 19 Prozent gehandelt werde. 

Sellering und Caffier haben Habachtstellung eingenommen. Keine Frage, dieses "Protestpotenzial" sei durch die Flüchtlingskrise hervorgerufen worden, sagt Sellering. Da habe Angela Merkel viele Fehler gemacht. So sei es "unmöglich gewesen, die Flüchtlinge ins Land zu winken, ohne sie zu überprüfen". Aber – und das ist für den SPD-Ministerpräsidenten als Wahlkämpfer natürlich ganz wichtig: "Das hier ist keine Denkzettelwahl für die Bundespolitik." 

Der Versuch, die AfD zu diskreditieren, sei nach hinten losgegangen, findet auch Innenminister und CDU-Wahlkämpfer Caffier: "Politik hat leider eine Sprache gepflegt, die für viele nicht verständlich ist." Und dass sich niemand, kein Deutscher, künftig mehr benachteiligt fühlen dürfe, darüber sind sich beide Wahlkämpfer selbstredend ebenfalls einig. 

Wenn in zehn Tagen ein neuer Landtag gewählt wird, dürfte ganz Deutschland in den Norden blicken. Viele mit Sorge, denn die AfD träumt davon, den dünnen Umfragevorsprung von SPD (26 Prozent) und CDU (23 Prozent) zur eigenen Partei noch schwinden zu lassen. Ein Viertel der Wähler ist noch unentschlossen. Auch die rechtsextreme NPD könnte erneut den Einzug in den Landtag schaffen.

Die etablierten Parteien wissen, dass sie kämpfen müssen. Da ist so ein TV-Duell eine gute Möglichkeit, sich an Menschen zu wenden, die überlegen, rechts zu wählen. Sellerings und Caffiers Strategie wird schnell klar: Sie haben sich vorgenommen, wie eine bessere AfD zu klingen. Als ein Mann aus Wismar betont, die Flüchtlinge könnten doch Fachkräfte sein, an denen es zum Beispiel in der Pflegebranche mangele, folgt prompter Widerspruch von Sellering und Caffier. "Die Erwartung, dass wir die Facharbeiterkrise durch Flüchtlinge lösen", teile er nicht, sagt Caffier freundlich-streng. Den Flüchtlingen fehle es an Sprachkompetenz und Berufsausbildung. Daher sei das ja mit der Integration so eine große Herausforderung. SPD-Ministerpräsident Sellering sieht das genauso. Maximal 35 Prozent der Flüchtlinge seien in den nächsten Jahren in den Arbeitsmarkt integrierbar, wenn überhaupt, sagt er. 

Auch an anderer Stelle sind sich die beiden vermeintlichen Kontrahenten einig: Nur solche Flüchtlinge könnten bleiben, die wirklich aus großer Not geflohen seien. Und wenn der Krieg in ihrer Heimat vorbei sei, müssten sie auch wieder zurückgehen. Den Familiennachzug werde man langsam angehen, betont Innenminister Caffier. Niemand soll hier überfordert werden. 

SPD-Ministerpräsident Sellering lässt wenig später den Moderator gleich zweimal ein Zitat aus der Zeitung Die Welt vorlesen, mit dem er kürzlich Kanzlerin Merkel kritisiert hatte. Es lautet: "Merkel tut bis heute so, als könnte Deutschland alle Verfolgten aufnehmen. Das entspricht nicht der Realität. Sie suggeriert außerdem, die Sorgen kämen nur von Rechtsradikalen und Dummköpfen. Das ist ein schwerer Fehler." 

Er stehe nach wie vor zu seinen Worten, betont Sellering stolz. Das sei sanfte Kanzlerinkritik gewesen, "angemessen an dem, wie sich Merkel verhalten hat". Der Applaus der Zuhörer ist ihm sicher. Caffier versucht derweil ein wenig halbherzig, seine CDU-Chefin zu verteidigen. Dass er vor ein paar Tagen öffentlichkeitswirksam ein Burkaverbot forderte, was viele Beobachter als Wahlkampfstrategie ausmachten, bleibt an diesem Fernsehabend unerwähnt.