Wegen der harten Reaktion der türkischen Führung nach dem Putschversuch rechnet die Kurdische Gemeinde Deutschland mit einer Massenflucht nach Deutschland. "Kurzfristig rechne ich mit Zehntausenden, mittelfristig mit einigen Hunderttausend Schutzsuchenden aus der Türkei in Deutschland, wenn das Erdogan-Regime die Minderheiten und die demokratische Opposition weiter bekämpft", sagte der Verbandsvorsitzende Ali Toprak der Welt.

Weil die Regierung bereits vor Monaten kurdische Hochburgen mit Strafaktionen überzogen habe, seien 500.000 Kurden innerhalb der Türkei auf der Flucht. Nach dem vereitelten Putsch kämen noch säkulare und oppositionelle ethnische Türken hinzu. "Viele werden in Europa neu anfangen wollen, wenn sie in der Türkei weiter unterdrückt werden", sagte Toprak. "Es kann nicht sein, dass ein Staat, der selbst Flüchtlinge aufnimmt, im eigenen Land Flüchtlinge produziert", sagte Toprak.

Präsident Recep Tayyip Erdoğan würde systematisch syrische Araber in kurdischen und alevitischen Städten ansiedeln, um den Ausreisedruck zu erhöhen, beklagt Toprak. Kurden seien die letzte große Minderheit in der Türkei. "Die christlichen Armenier und Griechen wurden ja schon in den vergangenen hundert Jahren ausgerottet oder vertrieben." Allerdings seien Kurden in Deutschland ebenfalls nicht mehr sicher, auch hier würde eine "Hexenjagd" auf sie veranstaltet.

Der deutsche Zweig der Gülen-Bewegung rechnet ebenfalls mit der Flucht vieler Türken ins Ausland. "Mehr Türken werden Asyl in Deutschland suchen, vor allem Kurden und Oppositionelle", sagte der Vorsitzende Ercan Karakoyun der Zeitung. "Wer sich nicht anpasst und Erdoğan lobt, sitzt auf gepackten Koffern, übrigens auch die Kemalisten und Säkularen."

Schon vor dem Putsch stellten Türken die größte Gruppe der wegen politischer Verfolgung anerkannten Asylberechtigten: Zum Stichtag 30. Juni waren dies laut Bundesinnenministerium 11.386 Menschen und damit knapp 29 Prozent aller als asylberechtigt Anerkannten (39.625) in Deutschland. In dieser Erhebung finden sich nicht die vor Krieg, Armut oder Perspektivlosigkeit Geflohenen. Asylberechtigt nach dem Grundgesetz sind ausschließlich politisch, also von staatlicher Seite, individuell Verfolgte. Die Verschärfung der Lage in der Türkei hatte bereits vor dem Putsch vom 15. Juli eine Fluchtbewegung ausgelöst.