Über 6.000 Informanten des türkischen Geheimdienstes MİT sind einem Medienbericht zufolge in Deutschland tätig. Die Spitzel sollen den MİT mit Informationen über die türkische Gemeinde versorgen, berichtet die Welt am Sonntag unter Berufung auf einen namentlich nicht genannten Sicherheitspolitiker.

"Die Aktivitäten des türkischen Geheimdiensts MİT wurden in Deutschland immer geduldet. Hier geht es längst nicht mehr um nachrichtendienstliche Aufklärung, sondern zunehmend um nachrichtendienstliche Repression", sagte der Geheimdienst-Experte Erich Schmidt-Eenboom der Welt am Sonntag.

Laut einem Bericht des Spiegels habe der MİT außerdem den deutschen Geheimdienst BND aufgefordert, auf Entscheidungsträger und Gesetzgeber in Deutschland einzuwirken, um Anhänger des Geistlichen Fethullah Gülen auszuliefern. Der BND selbst teilte lediglich mit, über "operative Aspekte" werde ausschließlich der Bundesregierung und dem Bundestag Auskunft gegeben. Weiter berichtet das Magazin, bislang seien 40 offizielle Fahndungs- und drei Auslieferungsersuche an die Bundesregierung geschickt worden.

Die türkische Regierung hält den in den USA lebenden Prediger Gülen für den Drahtzieher des versuchten Militärputsches am 15. Juli. Präsident Recep Tayyip Erdoğan geht dabei von einem breiten Netzwerk aus und hat weitreichende "Säuberungen" angekündigt. Zehntausende Militärs und Mitarbeiter staatlicher Einrichtungen wurden bislang verhaftet oder entlassen.

"Unglaubliche geheime Aktivitäten"

Bundestagsabgeordnete von Koalition und Opposition haben unterdessen von der Bundesregierung Aufklärung über die türkischen Geheimdienstaktivitäten verlangt. Es gebe "unglaubliche geheime Aktivitäten" des MİT, sagte der für Geheimdienste zuständige Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele.

Ströbele kündigte an: "Ich werde gleich nach den Ferien im Kontrollgremium das Thema 'Arbeit des türkischen Geheimdienstes in Deutschland' auf die Tagesordnung setzen." Verfassungsschutz, BND und Polizei müssten dringend ihre Kooperation mit der Türkei überprüfen. Ströbele ist Mitglied im Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestages, das für die Kontrolle der Geheimdienste zuständig ist.

Auch der Vorsitzende des Gremiums, Clemens Binninger (CDU), verlangt Auskunft über die bilaterale Zusammenarbeit der Dienste: "Die jüngsten Ereignisse in der Türkei haben nicht nur Auswirkungen auf die Sicherheitslage, sondern möglicherweise auch auf die Zusammenarbeit der Nachrichtendienste."

"Erdoğan versucht, Einfluss auf die Menschen in Deutschland zu nehmen", sagte auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière der Bild am Sonntag. Es müsse zwar akzeptiert werden, wenn der türkische Präsident in Deutschland Reden vor Anhängern halte. "Aber klar ist: Die deutsche Regierung trägt die Verantwortung für alle Menschen hier, auch für die türkischen Staatsbürger."

Gleichzeitig rief de Maizière zu einem nüchternen Umgang mit der Türkei auf. "Die Türkei ist Nato-Mitglied und für uns ein wichtiger Partner in der Flüchtlingskrise und im Kampf gegen den internationalen Terrorismus", sagte er der Bild am Sonntag. "Im Umgang mit unseren Partnern müssen wir nüchtern analysieren und dürfen nicht naiv sein."