Das Lied Hoch auf dem gelben Wagen wird er so manches Mal verwünscht haben. Denn der Song, den Walter Scheel 1973 mit einem Chor zugunsten der Aktion Sorgenkind aufgenommen hatte und der ihm zu steiler Berühmtheit verhalf, überschattete fortan sein politisches Wirken. Er galt nun als rheinisch-fröhliche Leichtgestalt, fernab der Niederungen der normalen Politik. Und der Nachklang begleitete ihn auch noch in das Amt des Bundespräsidenten.

Scheel hatte nach einer Banklehre, sechs Jahren Kriegsdienst in der Wehrmacht und einer Wirtschaftslaufbahn als Geschäftsführer verschiedener Unternehmen und Verbände in der FDP ganz unten angefangen: als Stadtverordneter in seiner Heimatstadt Solingen und dann als Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen. Aber schon Mitte der 1950er Jahre gehörte er zu den "Jungtürken", die gegen die CDU-Herrschaft in Land und Bund rebellierten und in Nordrhein-Westfalen den Koalitionswechsel der FDP von der CDU zur SPD erreichten.

1953 erstmals in den Bundestag gewählt, machte er jedoch zunächst unter der CDU weiter Karriere. Im letzten Kabinett von Konrad Adenauer übernahm er 1961 das neugeschaffene Entwicklungshilfeministerium, das er auch unter Adenauers Nachfolger Ludwig Erhard behielt. 1966 musste die FDP in die Opposition, da Union und SPD eine große Koalition bildeten. Innerhalb der Partei kam es daraufhin zu heftigen Debatten. Scheel setzte sich an die Spitze der Reformer, die die Ablösung von Parteichef Erich Mende betrieben. Ihr Ziel: die FDP aus der Umklammerung der CDU zu lösen.

1968 war Scheel am Ziel: Mit großer Mehrheit wurde er zum neuen Parteivorsitzenden gewählt. Und er machte sich sogleich daran, der Partei ein neues, sozialliberales Profil zu geben und sich der SPD anzunähern. Erstmals wurde dies deutlich, als die FDP im März 1969 bei der Bundestagswahl unter Scheels Führung geschlossen für den SPD-Kandidaten Gustav Heinemann stimmte. Ein klares Vorzeichen für die koalitionspolitische Wende nach der Bundestagswahl ein halbes Jahr später.

Die Wahl im September 1969 wurde allerdings sehr eng. Die FDP kam mit 5,8 Prozent nur knapp wieder in den Bundestag. Dennoch vereinbarte Scheel noch in der Wahlnacht mit dem SPD-Vorsitzenden Willy Brandt die Bildung der ersten sozialliberalen Koalition – gegen den Widerstand von Teilen seiner eigenen Partei. Die neue Regierung mit Brandt und Scheel an der Spitze stand für eine neue Ära und eine Zeit des innen- wie außenpolitischen Aufbruchs. Der Muff der Adenauer-Epoche sollte endgültig weichen, ein neuer Geist der Reformen einziehen.

Scheel gestaltete die neue Ostpolitik

Scheel hatte daran als Außenminister einen gehörigen Anteil. Mit Brandt und dessen engstem Berater Egon Bahr, manchmal auch gegen den, gestaltete er die neue Ostpolitik. Verträge mit Moskau, Warschau und Prag wurden geschlossen, dazu der Grundlagenvertrag mit der DDR. Allesamt begleitet von heftigen Debatten und Widerstand in der Bundesrepublik – auch in den beiden Regierungsparteien, deren Mehrheit durch Überläufer bröckelte. Doch Scheel ließ sich davon so wenig beirren wie Brandt. Die Aussöhnung mit dem Osten war ihr gemeinsames Programm und Herzensanliegen.

Als FDP-Vorsitzender musste er allerdings einige Rückschläge hinnehmen. Der rechte Parteiflügel unter seinem Vorgänger Mende rebellierte gegen den sozialliberalen Kurs und die Ostverträge, Mende verließ im November 1970 mit weiteren Abgeordneten die Partei. Dass die Ostverträge trotz dieser Überläufer das Parlament passierten, wurde in hohem Maße Scheels engagiertem Einsatz in den Bundestagsdebatten zugeschrieben.

Zu Scheels Zeit als Außenminister gehören noch andere Premieren: Als erster westdeutscher Chefdiplomat besuchte er 1971 Israel. Und nach seinem Besuch in Peking ein Jahr später wurden diplomatische Beziehungen zur China aufgenommen.