Wer abends den Fernseher anschaltet und zu einer politischen Talkshow zappt, kann fast sicher sein, dass da in der Runde ein stets braun gebrannter freundlicher Herr mit rheinischem Tonfall sitzt: Wolfgang Bosbach, CDU, Mitglied des Bundestags seit 1994 und bis September 2015 Vorsitzender des Innenausschusses. Ob es um Killerspiele geht, schärfere Sicherheitsgesetze gegen Terroristen, die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel oder neue Hilfen für Griechenland: Zu all dem und noch viel, viel mehr hat Bosbach etwas zu sagen.

Und zwar etwas, was dem einfachen Volk meist gut gefällt, seinen Parteioberen aber oft weniger. Ja, man könnte sagen, dass es diese Masche ist, mit der er regelmäßig ins Fernsehen und ins Radio kommt. Denn Redakteure von Radio-Morgenmagazinen und Talkshow-Sendungen lieben nichts mehr als Politiker, die im Widerspruch zu ihrer Partei stehen.

Allerdings sind es bei Bosbach in der Regel festgewachsene, konservative Überzeugungen, die ihn vom von der Parteispitze vorgezeichneten Weg abbringen. So ist er der Ansicht, dass Deutschland mit der Masse an Flüchtlingen überfordert ist, dass in der inneren Sicherheit eine Reihe schärferer Gesetze notwendig ist und dass die Krise in Griechenland, die durch Überschuldung entstanden sei, nicht durch immer neue Kredite gelöst werden könne. Deshalb hat er im Bundestag mehrfach gegen neue Milliardenhilfe für das Krisenland gestimmt.

Innere Unabhängigkeit

Das brachte ihm sogar die seltsame Ehre ein, vom damaligen Kanzleramtsminister Roland Pofalla mit dem Ausruf: "Ich kann Deine Fresse nicht mehr sehen!" bedacht zu werden. Immerhin, das machte dieser Zwischenfall deutlich, hatte er mit seinem sturen Abweichlerkurs die Oberen zur Weißglut getrieben.

Vielleicht haben die populären, um nicht zu sagen bisweilen populistisch-abweichenden Ansichten von Wolfgang Bosbach damit zu tun, dass er im Unterschied zu den meisten Kollegen im Bundestag einen ganz normalen Beruf gelernt hat: Als Einzelhandelskaufmann hat er zwei Jahre lang einen Supermarkt geleitet, bevor er auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachmachte, Jura studierte, Rechtsanwalt wurde und dann zur Politik stieß. Das erdet.

Möglicherweise haben sein lautes Dissendententum und sein Drang in die Medien aber auch darin ihre Ursache, dass Wolfgang Bosbach politisch nie wirklich etwas geworden ist. Mehrfach hatte er gehofft, zum Innenminister oder wenigstens Staatssekretär berufen zu werden. Aber da waren immer andere vor, oder der Regionalproporz sprach dagegen. So blieb er neun Jahre stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion und seit 2009 Vorsitzender des Innenausschusses, bis er diesen Posten im vergangenen Herbst aus Protest gegen ein weiteres Hilfspaket für Griechenland niederlegte.

Richtig mitwirken an der Politik konnte er nie. Das frustriert, gibt aber auch innere Freiheit: Wer weiß oder zu wissen glaubt, dass er nichts mehr erreichen kann, muss abweichende Ansichten nicht mehr verstecken, um bei den Parteioberen nicht anzuecken. Der kann seine Meinung sagen, selbst wenn sie der eigenen Kanzlerin widerspricht. Schließlich wurde Bosbach in seinem Wahlkreis sechsmal direkt gewählt, zuletzt mit 58,5 Prozent. Das verschafft innere Unabhängigkeit: Ihm konnte niemand das Mandat streitig machen.

Wolfgang Bosbach, Ehrenpräsident der Karnevalsgesellschaft Großer Gladbacher von 1927,  hat das alles auf die Spitze getrieben. Das Nein-Sagen wurde zu seinem Markenkern und machte ihn weit über seine Heimatstadt Bergisch-Gladbach hinaus bekannt und populär. So populär, dass er im September 2015 sogar Angela Merkel auf der Liste der wichtigsten Politiker überholte.

Distanz zur Partei

Tatsächlich bewegt hat er allerdings wenig. Die persönliche Ein-Mann-Opposition in der Regierung zu bilden, schien ihm am Ende fast genug. Und viele konservative Gesinnungsgenossen, mit denen er sich hätte zusammentun können, gibt es in der CDU ja nicht mehr, nachdem Merkel den Kurs der Partei in die Mitte verschoben hat. 

Nun hat Bosbach bekannt gegeben, dass er im kommenden Jahr nach mehr als 20 Jahren nicht wieder für den Bundestag kandidieren will. Selbst in seiner Abschiedserklärung machte er die Distanz zu seiner Partei deutlich: "In einigen wichtigen politischen Fragen kann ich die Haltung meiner Partei nicht mehr mit der Überzeugung vertreten, wie ich sie gerne vertreten würde." Da scheint einer seines Dissidendentums überdrüssig zu sein.

Dabei könnten seine Partei und der ganze Bundestag mehr solcher Abgeordneter vertragen, die gelegentlich ihre eigene Meinung vertreten. Dann wäre es die Politik weniger langweilig, sie würde wieder diskursiver und spannender.

Wir werden den freundlichen Herrn Bosbach vermissen, auch wenn er in Talkshows sicher noch eine Weile erhalten bleiben wird. Da sitzen ja auch viele andere Ex-Politiker. Weil die aktuellen oft so langweilig sind.