Die Linke hat in Berlin zwar deutlich zugelegt. Doch das ist nur ein Scheinsieg. Dass sie hinzugewinnen konnte, liegt einzig daran, dass sie bei der Wahl 2011 noch in Regierungsverantwortung stand. Sie wurde für den rigorosen Sparkurs der rot-roten Landesregierung abgestraft. Ihre dezente Erholung in Berlin kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Linke unter gewaltigem Veränderungsdruck steht. 

Die AfD greift einen Großteil jener Protestklientel ab, die nicht nach politischer Grundverortung wählt, sondern nach dem Krawallfaktor: Die Stimme bekommt der, über den sich die Etablierten am lautesten aufregen – und das ist nun die AfD. Die Linke muss sich daher im Bund entscheiden, was sie sein will: eine Protestpartei, der die Protestler ausgehen. Oder eine pragmatische politische Kraft, die aus ihrem selbstverliebten Pseudorebellentum in der Außenpolitik herauswächst, sich den politischen Gegebenheiten stellt und Verantwortung übernimmt. Wie Erwachsene das halt so tun.

Schwarz-Grün verflüchtigt sich

Noch interessanter sind aber die Grünen. Nachdem sie nun rund drei Jahre lang einer schwarz-grünen Bundesregierung entgegengeharrt haben, dürfen sie nun feststellen: Huch, die kommt ja gar nicht. Rechnerisch liegt Schwarz-Grün mittlerweile von der Mehrheit in Deutschland meilenweit entfernt und inhaltlich noch viel weiter. Wie soll eine CSU, die in der Flüchtlingspolitik auf einem AfD-ähnlichen Planeten durchs politische Universum fliegt, mit den Grünen koalieren? Sich mit den flüchtlingsfreundlichen Grünen verbinden, um ein Jahr später, bei der bayerischen Landtagswahl, mit AfD-gesättigten Untertönen die absolute Mehrheit zu sichern, wird nicht funktionieren. Die CSU weiß das längst, die Grünen erkennen es gerade erst. Ihre Machtoption 2017 heißt nicht Schwarz-Grün, sie heißt Rot-Rot-Grün.

Für die eben noch schier allmächtige Angela Merkel heißt das: Ihr gehen die Koalitionen aus. Das Einzige, was die Kanzlerin, die soeben noch zwischen Grünen, Gelben und Roten wählen konnte, wenn ihr nicht gar eine absolute Mehrheit möglich schien, nach der Bundestagswahl retten kann, ist eine neue große Koalition. Ergo: Die CDU ist die neue SPD. Wer hätte das gedacht, als Müller noch beliebt war?