Norbert Hofer, Donald Trump und Marine Le Pen an der Macht. Und die AfD als drittstärkste Kraft im Bundestag. So könnte es innerhalb eines Jahres kommen. Da ich nahezu täglich von Berufs wegen mit den Folgen der Scheinargumente und Halbwahrheiten von Populisten und Menschenfeinden konfrontiert bin, befällt mich von Zeit zu Zeit ein gewisser Defätismus. Nichts scheint zu helfen. Dann denke ich: So wählt sie doch einfach, diese Rechtspopulisten. Wenn ihr euch an der Nase herumführen lassen wollt, nur zu! Wählt sie! Spürt die Folgen! Vielleicht versteht ihr dann und zieht daraus die Lehren.

Bei jedem Wahltermin wie das Kaninchen vor der Schlange zu erstarren und innerlich zu flehen: Hoffentlich schaffen es die Populisten nicht, hoffentlich werden sie nicht zu stark. Das kann es doch auf Dauer nicht sein. Man hat sich über Rechtspopulisten empört, man hat sie lächerlich gemacht, ihre Äußerungen sachlich analysiert – trotzdem fahren sie wie jetzt in Mecklenburg-Vorpommern zweistellige Prozentergebnisse ein und werden zweitstärkste Kraft. Was bleibt da noch, außer zu hoffen, dass eine politische Apokalypse am Ende die Katharsis bringt? Offenbar gibt es erst ganz unten Chancen auf Läuterung.

Die historische Erfahrung lehrt nun aber, politische Verelendung führt zu Leid, mitunter zum Untergang, aber eine Garantie auf Besserung ist auch sie nicht. Wir hatten Faschismus, Nationalsozialismus, Stalinismus, Chomeiniismus. All das war nicht plötzlich einfach da, sondern hatte seine Vorläufer. Wir können die Entwicklungen heute umfassend erklären. Aber führt das dazu, dass wir heute keine Anhänger dieser geistigen Verwirrungen und deren Abwandlungen und Vorstufen haben? Nein. Also ist der Mensch unbelehrbar und wir müssen uns dem Schicksal fügen, dass wir in Zyklen unausweichlich politische Verelendung durchmachen? Nein.

Mir ist so ein anthropologischer Pessimismus zuwider. Diese Grundhaltung, wonach der Mensch von Natur aus schlecht sei. Mein Menschenbild ist ein positives. Ich sehe viel Schönes um mich herum: Engagement. Hilfsbereitschaft. Freundlichkeit. Deswegen besteht mein Großer Dschihad wohl unter anderem darin, immer wieder gegen die eigenen negativen Gedanken und drohenden Frustrationen anzukämpfen.

Alle reden wieder über die AfD, mich eingeschlossen

Also auch jetzt wieder, wo das Wahlergebnis im hohen Nordosten erneut zeigt, dass vielen Menschen die Widersprüche der Populisten, ihre inhaltlichen Nullnummern, ihre verbalen Ausfälle zumindest egal sind. Und täglich grüßt das Murmeltier. Neunte Landtagswahl, neunter Einzug der AfD, Berlin wird in zwei Wochen folgen. Obwohl es von vornherein klar war, dass die AfD auch in Mecklenburg-Vorpommern erfolgreich sein wird, reden sie nun alle wieder über diese Partei. Mich eingeschlossen. Aber was tun? Den Triumph in Mecklenburg-Vorpommern stillschweigend ignorieren? 

Zwei Dinge sind vorrangig: die Partei nicht überhöhen und nicht auf ihren Populismus reinfallen. 

Es muss nicht jede geschlagene Volte einer Partei debattiert werden, die bei allen Landtagswahlen bislang von gerade einmal rund zwei der gut 62 Millionen Wahlberechtigten ihre Stimme bekommen hat – weswegen auch immer. Man muss sich nicht über jede Provokation lautstark empören, nur um den Urhebern der Provokation nachher wieder Raum zum Relativieren zu geben. Es sollte sich inzwischen herumgesprochen haben, dass diese Masche eine Masche ist. Den Aufschwung der AfD durch überbordende Aufmerksamkeit zu befördern, ist gefährlich, denn es macht ihre kruden Thesen weiter salonfähig. Wir konnten diesen Mechanismus beim Hype um Thilo Sarrazin gut beobachten.

Stillschweigen oder hypen? Ich denke, die goldene Mitte wäre nicht schlecht. Das Wichtige besprechen, das Unwichtige verschweigen. Wenn wir alle nicht jeden Beitrag über die AfD in sozialen Medien teilen, nicht jede Aussage kommentieren würden, wäre schon vieles gewonnen.