Natürlich fiel es sofort, das Wort von der Kanzlerinnendämmerung. Worauf Kommentatoren eben als Erstes so kommen. Vieles scheint nach dem Wahlabend in Mecklenburg-Vorpommern möglich zu sein, sogar ein Kanzleramt ohne Angela Merkel.

Ihre Beliebtheitswerte waren ja schon vorher in den Keller gerauscht. Nur noch 46 Prozent der Bundesbürger finden es gut, ergab eine Umfrage wenige Tage vor der Wahl, wenn Merkel bei den nächsten Bundestagswahlen wieder antritt, 51 Prozent sind dagegen. "Das Jahr, in dem Merkel die Deutschen verlor", titelte die Welt am Sonntag – und lag damit nicht schlecht am Tag der Landtagswahl.

Das kleine Mecklenburg-Vorpommern und die großen Folgen. Wobei die bisher rein innenpolitisch geführte Debatte – Kandidiert Merkel wieder? Ändert sie ihre Flüchtlingspolitik? – natürlich auch eine außenpolitische Komponente hat. Es war ja ein hübscher Einfall der Regie im großen Welttheater, dass Merkel am Sonntagabend nicht in Berlin vor dem Fernseher saß, sondern mit Xi Jinping, Barack Obama und Wladimir Putin in Hangzhou dinierte. Denn nach Mecklenburg-Vorpommern geht es auch um die Frage: Wer sitzt künftig für Deutschland am Tisch der Großen?

Seit Herbst 2005 ist Angela Merkel im Amt, länger als alle anderen Regierungschefs in Europa. Schon manches Blatt hat sie zur "mächtigsten Frau der Welt" gekürt. Aber selbst wenn sie beim CDU-Parteitag im Dezember erklärt, sie wolle wieder Parteivorsitzende und Kanzlerkandidatin werden – etwas weniger mächtig ist Angela Merkel heute schon.

Und das könnte außenpolitische Folgen haben. Denn ob nun "mächtigste Frau der Welt" oder nicht, Europas wichtigste Politikerin ist sie zweifellos. Zwar hat sie sich mit ihrem Sparkurs nicht beliebt gemacht – nicht bei Griechen, Spaniern, Italienern und Franzosen, die ihr allesamt eine unverantwortliche Austeritätspolitik vorwerfen. Und mit ihrer Flüchtlingspolitik hat sie die Osteuropäer fast geschlossen gegen sich aufgebracht.

Vollkommen unprätentiös

Und doch: In den Krisen der vergangenen Jahre haben sich Europas Politiker meist um Merkel geschart – nicht weil sie mit allem einverstanden gewesen wären, was die vorschlug, sondern weil Merkel eine klare Vorstellung hatte von dem, was sie wollte, und die notwendige Kraft, dies auch durchzusetzen.

Natürlich half ihr dabei die wirtschaftliche Stärke Deutschlands, mit der sie locken oder drohen konnte. Die Bundeskanzlerin hat aber auch die notwendige persönliche Statur. Und was alle an ihr schätzen: Merkel ist vollkommen unprätentiös. Sie braucht keinen großen Auftritt, sie zieht keine Show ab. Sie macht ihre Arbeit und verschwindet zum nächsten Termin.

"Es gibt keine andere europäische Führungsfigur mit der Autorität und der Geduld, jene Deals zu schließen, die notwendig sind, um die EU zusammenzuhalten", schrieb Gideon Rachman in der Financial Times. Und zählte gleich sechs akute und miteinander verbundene Probleme auf, die ohne Merkel noch schwieriger zu lösen wären: erstens den Brexit; zweitens den Euro; drittens die Flüchtlinge; viertens Russland; fünftens die Erosion demokratischer Werte in Ungarn und Polen; sechstens das Erstarken der politischen Extreme überall in Europa. Viele Regierungen hegten gegen Merkel Vorbehalte, resümierte Rachman. "Aber sie werden ihre Fähigkeit vermissen, Europa zusammenzuhalten, wenn sie schließlich stürzt."

Nun, so weit ist es noch lange nicht. Mehr spricht dafür, dass Angela Merkel ihre Kanzlerschaft im kommenden Jahr verteidigt. Und in den meisten Hauptstädten würde man sich wahrscheinlich freuen, wenn ihr dies gelingt. Überall hat man in den vergangenen Jahren einen Machtzuwachs Deutschlands registriert. Vor einer starken Bundesrepublik unter Merkels Führung, so das im Ausland verbreitete Gefühl, müsse man keine Angst haben, im Gegenteil, Deutschland könne eher eine größere Rolle spielen.

Das zeigte sich besonders im Ukraine-Konflikt, als Barack Obama der Kanzlerin den Vortritt bei den Verhandlungen mit Russland ließ. Gemeinsam mit Wladimir Putin brachte sie die Vereinbarung von Minsk auf den Weg, die den Konflikt zwar nicht beendet, aber doch eine weitere Eskalation verhindert hat.

Nüchtern und rational

Obama schätzt Merkels nüchterne, rationale Art. Zu keinem anderen Regierungschef hat der im Umgang mit ausländischen Politikern eher spröde Obama eine engere Beziehung. Im Kanzleramt heißt es, besser könne die Abstimmung mit Washington nicht sein.

Und auch in China wird Merkel hoch geschätzt. Wann immer man in Peking etwas von Europa will, würde man dies am liebsten direkt mit Merkel klären. Die muss dann immer wieder erklären, dass sie nicht für ganz Europa sprechen kann. In Hangzhou hat Xi Jinping Merkel geradezu demonstrativ hofiert.

Dies alles zeigt: Auch wenn die Deutschen ihrer langsam müde werden, so wie sie einst Helmut Kohls überdrüssig geworden sind, in der Welt hat die deutsche Bundeskanzlerin nach wie vor einen guten Ruf. Das Deutschland, das sie repräsentiert, findet niemand zum Fürchten. Es strahlt auf beruhigende Weise Stabilität und Zuversicht aus. Wechselstimmung? Nicht jenseits der Grenzen.