Das Experiment

"Berlin bleibt flüssig." "Berlin bleibt gesellig." Die Berliner SPD hat sich für die Bierdeckel auf ihrer Wahlparty besonders ins Zeug gelegt. Die Columbiahalle, ein Konzertsaal nahe dem ehemaligen Flughafen Tempelhof ist abgedunkelt, die Musik wummert. Doch so richtig in Stimmung kommen die Genossen nicht. Nur knapp 22 Prozent, das ist einfach zu wenig, auch wenn man als stärkste Partei wohl erneut den Regierenden Bürgermeister stellen wird.

Die SPD sei in Berlin keine Volkspartei mehr, sondern nur noch die größte der mittelgroßen Parteien, so erzählt es ARD-Wahlforscher Jörg Schönenborn von der überdimensionierten Leinwand auf die Genossen herab. Und genau das ist das Problem. Der alte und wohl auch neue Regierende Bürgermeister Michael Müller tröstet die Genossen in seiner kurzen Ansprache damit, dass man immerhin einige Ziele erreicht habe: vorne zu liegen und weiter die Regierung anführen zu können. 

Viel Bier fließt angesichts des schwachen Ergebnisses an diesem Sonntagabend nicht, aber mit der Geselligkeit könnte die SPD am Ende doch recht behalten. Müller ist künftig auf zwei Partner angewiesen, es läuft wohl alles auf Rot-Rot-Grün hinaus. Am Wahlabend will Müller das noch nicht bestätigen; er kündigt nur an, sich in den kommenden Wochen mit allen demokratischen Partnern zusammensetzen zu wollen.

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Alle Ergebnisse

Tatsächlich aber hat die Berliner SPD kaum eine andere Option. Für eine Fortsetzung der großen Koalition reicht es nicht, weil SPD und CDU ihr jeweils historisch schlechtestes Ergebnis erzielt haben. Wirklich traurig sind die Genossen darüber aber nicht: Wohl noch nie hat eine Regierungspartei so gejubelt, als auf dem Fernsehbildschirm klar wurde, dass sie mit dem jetzigen Partner nicht weitermachen kann. CDU und SPD waren in Berlin zuletzt sehr zerstritten. Als Alternative zu Rot-Rot-Grün wäre aus SPD-Sicht nur eine rot-schwarz-grüne Koalition denkbar, aber das dürften die Grünen nicht mitmachen.

Rot-rot-grünes Signal aus Berlin nach Berlin

Auch dem SPD-Chef Sigmar Gabriel käme ein rot-rot-grünes Signal aus Berlin gerade recht. Schließlich will er im kommenden Jahr die große Koalition auch auf Bundesebene überwinden. Und dass die Berliner CDU mit ihrem Versuch, ein Bündnis von SPD, Linken und Grünen im Wahlkampf zu dämonisieren, gescheitert ist, dürften die Genossen genau beobachtet haben. "Keine Experimente" plakatierten die Christdemokraten und forderten die Bürger auf, daher CDU zu wählen. Das Ergebnis war miserabel.

Thomas Oppermann, Fraktionschef im Bundestag, lobt auf der Wahlparty jedenfalls schon mal pflichtbewusst die Berliner Linke: Die hätte ja bis 2011 zehn Jahre lang mit Müllers Vorgänger Klaus Wowereit regiert und das nicht so schlecht. Vor allem habe die pragmatische Hauptstadt-Linke auch fleißig den Haushalt mitkonsolidiert, sagt Oppermann. Nicht nur regieren, sogar sparen kann man also mit den Linken. 

Doch die Genossen wissen auch, dass sie in Linken und Grünen zwei selbstbewusste Partner haben werden. Im Berliner Landesparlament werden sie zusammen 51 Abgeordnete stellen, die SPD nur 35. "Es ist natürlich schwierig, wenn die beiden potenziellen Partner gemeinsam mehr Mandate haben als der Wahlsieger", sagt Ralf Wieland, bisheriger Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses und Genosse beim Bier am Tresen.

Party bei der Linken: "Wir werden regieren"

Umso ausgelassener ist die Stimmung weiter im Osten der Stadt, auf der Wahlparty der Linken. Dort fliegen tatsächlich die Arme in die Luft, als der dunkelrote Balken immer länger wird. Rund 15 Prozent und damit deutlich mehr als noch 2011 – mit einem solchen Ergebnis hat hier im Friedrichshainer Club Rosi's keiner gerechnet. Die Parteispitze nimmt Gratulationen per Schulterklopfen oder SMS entgegen, alle wirken sehr entspannt, auch weil sie bei den vorherigen Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt starke Verluste hinnehmen mussten. Entsprechend stolz gibt sich Parteichef Bernd Riexinger. Die Berliner Linken hätten mit ihrem Wahlkampf die richtigen Themen aufgegriffen: Sozialpolitik, Kinderarmut, Bürgerbeteiligung.

Als Bürgermeister Müller auf der Wahlparty der SPD spricht, drehen die Linken die TV-Übertragung laut. Der Regierende erwähnt gute Sozialpolitik, Arbeitsplätze, bezahlbaren Wohnraum – klassische Kernthemen der Linken. "Das müssen wir verstetigen", sagt Müller, was die Linken als Bestätigung auffassen. "Wir werden regieren", ist der Berliner Bundestagsabgeordnete Stefan Liebich überzeugt. Müller und Liebich waren in früheren Wahlperioden beide Fraktionschefs im Berliner Abgeordnetenhaus. "Wir haben ein enges Vertrauensverhältnis", sagt Liebich.

Auch personell fühlt sich die ehemalige Regierungspartei gewappnet: Die Senatoren, die bis 2011 regierten, stünden wieder bereit, heißt es. Hinzu kommen die Nachwuchspolitiker um Spitzenkandidat Lederer, der für seinen unaufgeregten Auftritt über sein eigenes Lager hinaus Sympathien genießt.

Auch die Grünen sind selbstbewusst an diesem Abend. "Berlin braucht eine Regierung, keine Verwaltung", sagt Bundesparteichef Cem Özdemir in eine der Kameras. Ein kleine Spitze an die Berliner SPD, denn viele werfen ihr vor, in den vergangenen Jahren zu wenig gestaltet zu haben. Die grüne Spitzenkandidatin Ramona Pop fordert nichts weniger als eine "Erneuerung der politischen Kultur". Für die Grünen wäre Rot-Rot-Grün ein wichtiges Profilierungsprojekt, bisher haben sie in Berlin nur ein Jahr lang mitregiert.

Regieren mit gleich starken Partnern

Über mögliche Inhalte einer Koalition wollen die Spitzenkandidaten aber noch nicht sprechen. "Ich halte es für nicht geschickt, nach der zweiten Hochrechnung schon rote Linien zu ziehen", sagt Antje Kapek. "Ich wüsste nicht, dass es bei manchen Themen Unüberwindbarkeiten gäbe", sagt ihr Kollege Daniel Wesener. Man habe im Wahlkampf deutlich gemacht, welche Themen man setzen will – mehr Fahrradwege, eine neue Wohnungspolitik und die Verwaltungsreform. Nach fünf Jahren unter einer streitenden großen Koalition setze man jetzt auf ein Miteinander auf Augenhöhe. "Wir wollen keine Koch-und-Kellner-Spiele mehr", sagt Wesener.

Schon 2011 führten die Grünen Gespräche mit der damaligen Wowereit-SPD über eine gemeinsame Regierung. Sie scheiterten damals an der A 100 – einem Autobahnprojekt quer durch die Stadt. Die Grünen waren dagegen. Aber dieses Mal soll eine Koalition an diesem Projekt angeblich nicht scheitern. In der SPD verweisen sie gerne darauf, dass zu einer möglichen Erweiterung des Autobahnausbaus in den kommenden fünf Jahren keine Entscheidungen fallen müssen.

Rot-Grün sei 2011 nicht an der A 100 gescheitert, sagt der Grüne Wesener, sondern an Wowereit. Er habe nicht daran geglaubt, dass die rot-grüne Mehrheit fünf Jahre lang halten werde. Mit der Linken zusammen ist die Mehrheit diesmal größer. Aber das Regieren mit zwei gleich starken Partnern dürfte für die SPD auch nicht einfach werden.