Umso ausgelassener ist die Stimmung weiter im Osten der Stadt, auf der Wahlparty der Linken. Dort fliegen tatsächlich die Arme in die Luft, als der dunkelrote Balken immer länger wird. Rund 15 Prozent und damit deutlich mehr als noch 2011 – mit einem solchen Ergebnis hat hier im Friedrichshainer Club Rosi's keiner gerechnet. Die Parteispitze nimmt Gratulationen per Schulterklopfen oder SMS entgegen, alle wirken sehr entspannt, auch weil sie bei den vorherigen Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt starke Verluste hinnehmen mussten. Entsprechend stolz gibt sich Parteichef Bernd Riexinger. Die Berliner Linken hätten mit ihrem Wahlkampf die richtigen Themen aufgegriffen: Sozialpolitik, Kinderarmut, Bürgerbeteiligung.

Als Bürgermeister Müller auf der Wahlparty der SPD spricht, drehen die Linken die TV-Übertragung laut. Der Regierende erwähnt gute Sozialpolitik, Arbeitsplätze, bezahlbaren Wohnraum – klassische Kernthemen der Linken. "Das müssen wir verstetigen", sagt Müller, was die Linken als Bestätigung auffassen. "Wir werden regieren", ist der Berliner Bundestagsabgeordnete Stefan Liebich überzeugt. Müller und Liebich waren in früheren Wahlperioden beide Fraktionschefs im Berliner Abgeordnetenhaus. "Wir haben ein enges Vertrauensverhältnis", sagt Liebich.

Auch personell fühlt sich die ehemalige Regierungspartei gewappnet: Die Senatoren, die bis 2011 regierten, stünden wieder bereit, heißt es. Hinzu kommen die Nachwuchspolitiker um Spitzenkandidat Lederer, der für seinen unaufgeregten Auftritt über sein eigenes Lager hinaus Sympathien genießt.

Auch die Grünen sind selbstbewusst an diesem Abend. "Berlin braucht eine Regierung, keine Verwaltung", sagt Bundesparteichef Cem Özdemir in eine der Kameras. Ein kleine Spitze an die Berliner SPD, denn viele werfen ihr vor, in den vergangenen Jahren zu wenig gestaltet zu haben. Die grüne Spitzenkandidatin Ramona Pop fordert nichts weniger als eine "Erneuerung der politischen Kultur". Für die Grünen wäre Rot-Rot-Grün ein wichtiges Profilierungsprojekt, bisher haben sie in Berlin nur ein Jahr lang mitregiert.

Regieren mit gleich starken Partnern

Über mögliche Inhalte einer Koalition wollen die Spitzenkandidaten aber noch nicht sprechen. "Ich halte es für nicht geschickt, nach der zweiten Hochrechnung schon rote Linien zu ziehen", sagt Antje Kapek. "Ich wüsste nicht, dass es bei manchen Themen Unüberwindbarkeiten gäbe", sagt ihr Kollege Daniel Wesener. Man habe im Wahlkampf deutlich gemacht, welche Themen man setzen will – mehr Fahrradwege, eine neue Wohnungspolitik und die Verwaltungsreform. Nach fünf Jahren unter einer streitenden großen Koalition setze man jetzt auf ein Miteinander auf Augenhöhe. "Wir wollen keine Koch-und-Kellner-Spiele mehr", sagt Wesener.

Schon 2011 führten die Grünen Gespräche mit der damaligen Wowereit-SPD über eine gemeinsame Regierung. Sie scheiterten damals an der A 100 – einem Autobahnprojekt quer durch die Stadt. Die Grünen waren dagegen. Aber dieses Mal soll eine Koalition an diesem Projekt angeblich nicht scheitern. In der SPD verweisen sie gerne darauf, dass zu einer möglichen Erweiterung des Autobahnausbaus in den kommenden fünf Jahren keine Entscheidungen fallen müssen.

Rot-Grün sei 2011 nicht an der A 100 gescheitert, sagt der Grüne Wesener, sondern an Wowereit. Er habe nicht daran geglaubt, dass die rot-grüne Mehrheit fünf Jahre lang halten werde. Mit der Linken zusammen ist die Mehrheit diesmal größer. Aber das Regieren mit zwei gleich starken Partnern dürfte für die SPD auch nicht einfach werden.