Wäre britische Bildung ein Exportprodukt, dann wäre sie ein Kassenschlager. Schätzungen zufolge nahm Großbritannien 2013 mit den Studiengebühren internationaler Studierender 4,9 Milliarden Pfund ein. Das hat seinen Grund: Die Universitäten des Vereinigten Königreiches sind nicht nur alt und berühmt, sie landen auch regelmäßig an der Spitze internationaler Rankings. Eltern, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder deshalb schon während der Schulzeit auf eine Privatschule nach Großbritannien.

Entsprechend hoch ist die Anzahl internationaler Studierender im Land: Allein zwischen Juli 2015 und Juni 2016 gab die britische Regierung mehr als 200.000 Schüler- und Studentenvisa heraus, der Großteil davon ging an zukünftige Universitätsstudenten.

124.575 Studenten kamen 2013/14 aus EU-Staaten, 312.010 aus anderen Ländern. Auch 15 Prozent der britischen Dozenten haben eine EU-Staatsbürgerschaft. Aus keinem anderen EU-Land kamen dabei so viele Studierende wie aus Deutschland.

Doch das Brexit-Votum der Briten im Juni hat für die Studierenden und Lehrenden aus der EU neue Unsicherheit gebracht: Bisher sind Bachelorstudenten aus EU-Ländern genau wie Briten dazu berechtigt, Kredite bei der Regierung aufzunehmen, um die hohen Studiengebühren zu begleichen. Außerdem zahlen sie bis zur Promotion niedrigere Gebühren als Studierende aus Nicht-EU-Staaten.

Während EU-Bürger umgerechnet maximal 10.000 Euro pro Jahr für einen Bachelorstudiengang bezahlen müssen, sind die Gebühren für chinesische oder US-amerikanische Studierende mit 26.000 Euro mehr als doppelt so hoch. Sowohl die niedrigeren Studiengebühren als auch die Studentenkredite der Regierung stünden bei einem Austritt Großbritanniens aus der EU infrage.

Angst um die Vielfalt

Britische Universitäten hatten bereits vor dem Referendum vor den möglichen katastrophalen Folgen eines Brexits für die britische Wissenschaft gewarnt. Schottische Universitäten seien sehr besorgt darüber, dass durch einen Brexit die internationale Vielfalt an den Hochschulen verloren gehen könne, sagt Jocelyn Bell, Präsidentin der Schottischen Akademie für Wissenschaften. Das werde Folgen für alle Studierenden haben.

Bei Wissenschaftlern und Lehrenden könne es einen "Brain Drain" geben, befürchtet Bell. "Unimitarbeiter aus dem Rest der EU sind nervös. Viele würden das Land vermutlich sofort verlassen, wenn sie eine Stelle in einem anderen EU-Land finden."

Julie Goodfellow, Vizekanzlerin der Universität Kent und Vorsitzende des Lobbyverbandes Universities UK, äußert sich vorsichtiger: Sie hofft, dass Premierministerin Theresa May die Sorgen des Bildungssektors ernst nimmt. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Großbritannien für ausländische Studierende langfristig verschlossen bleiben wird", sagt sie. Neben der kulturellen Vielfalt gibt es dafür noch einen sehr handfesten Grund: Schließlich beziehen die Universitäten bis zu einem Viertel ihres Einkommens aus Studiengebühren. Sinkende Studierendenzahlen würden sich also zuallererst in ihren Budgets niederschlagen.

Auch Studierende sind Einwanderer

Doch Goodfellows Optimismus wird nicht von allen geteilt – und das liegt vor allem an der konservativen May, die vor ihrem Amtsantritt als Premierministerin Innenministerin war. Ihr eilt der Ruf voraus, Studenten gegenüber besonders harsch zu sein.

Seit Jahren ist es das erklärte Ziel der Konservativen, die sogenannte Nettoeinwanderung zu senken. May hat versprochen, deren Zahl auf unter 100.000 pro Jahr zu senken. Diesen Plan verfolgte sie schon als Innenministerin. Dank ihres Ressorts war sie damals alleine für Einwanderung zuständig. Andere Ministerien wie Wirtschaft oder Bildung können Einwanderungspolitik in Großbritannien nur indirekt beeinflussen.

Internationale Studierende, ob nun aus der EU oder aus anderen Teilen der Welt, zählen ebenso zur Nettoeinwanderung wie Einwanderer, die zum Arbeiten nach Großbritannien kommen. Die Rechnung ist einfach: Die britische Regierung braucht Zahlen, die gut aussehen – je niedriger, desto besser. Am einfachsten lässt sich die Nettoeinwanderung senken, wenn man bei der größten Gruppe von Einwanderern ansetzt: den Studierenden.