Die AfD gab sich am Montag siegessicher: Dass die CDU bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern hinter ihr zurückgeblieben sei, sei der "Anfang vom Ende der Ära Merkel", sagte die stellvertretende AfD-Vorsitzende, Beatrix von Storch im ARD-Morgenmagazin. Ihr Co-Vize Alexander Gauland assistierte: "Die CDU wird es sich nicht gefallen lassen, dass sie von der Kanzlerin allmählich aufgelöst wird." Die Partei werde diesmal nicht den Fehler machen, so zu tun, als sei das Ergebnis leicht wegzustecken.

In letzterem Punkt hat der AfD-Vize zumindest teilweise recht. Die Tatsache, dass die Christdemokraten ausgerechnet in der politischen Heimat von Angela Merkel auf unter 20 Prozent abgesackt sind und nur noch auf Platz drei kommen, ist für die CDU in der Tat ein harter Schlag. "Sehr enttäuschend" sei das Ergebnis, räumte CDU-Generalsekretär Peter Tauber nach einer Schaltkonferenz des Bundesvorstands ein. Von einer bitteren Niederlage sprach CDU-Vize Armin Laschet.

Die Schuld für das Desaster auf die Landespartei zu schieben, versuchte diesmal niemand. Vor allem nicht Merkel selbst. Es sei klar, dass der Wahlausgang mit ihrer Flüchtlingspolitik zu habe, sagte sie von China aus, wo sie sich derzeit wegen des G20-Gipfels aufhält. Deswegen sei sie "natürlich auch verantwortlich". Allein die Tatsache, dass sie vom Ausland aus das Wahlergebnis bewertet, zeigt, wie wichtig ihr die Sache ist: Sie möchte die Debatte kanalisieren, bevor sie ausufert. Deshalb übernimmt sie eine Mitverantwortung, wenn auch nicht die alleinige Verantwortung.

Doch wenn die AfD und ihre Anhänger geglaubt haben sollten, spätestens jetzt werde in der CDU der offene Aufstand gegen Merkel losbrechen, dann sahen sie sich zumindest fürs Erste getäuscht. Zwar stellte die ehemalige Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach im Tagesspiegel fest: "Das Vertrauen der Menschen in die Kanzlerin ist wegen der Flüchtlingspolitik tief erschüttert." Doch Steinbach gehört längst zu den rechten Außenseitern in der Partei.

Im CDU-Vorstand, der am Montag eine Dreiviertelstunde lang per Telefonschalte über das Wahlergebnis beriet, gab es zwar zahlreiche Wortmeldungen. Eine Debatte über die Rolle von CDU-Chefin Merkel habe aber nicht stattgefunden, versicherte der Generalsekretär anschließend.

CSU fordert Kurswechsel

Offene Forderungen nach einem politischen Kurswechsel kamen zwar – wie nicht anders zu erwarten war – aus der Schwesterpartei CSU, in der CDU selbst fanden sich vorerst allerdings keine prominenten Unterstützter. Man müsse nun mit sachlichen Argumenten den Aufstieg der AfD stoppen, forderte zum Beispiel Laschet stattdessen.

Für Tauber geht der eigentliche Grund für die hohe Zustimmung zur AfD ohnehin über die Flüchtlingspolitik hinaus. Dieses Thema sei eine Folie für viele andere Fragen, sagte er. Deswegen gebe es auch keine einfachen Antworten, wie man auf den Erfolg der AfD reagieren solle. Im Übrigen müsse man deutlich machen, dass die vielfältigen Gesetze, die man in Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise bereits beschlossen habe – von Asylrechtsverschärfungen bis Integrationsgesetz – eben erst noch wirken müssten.

Merkel selbst machte ebenfalls deutlich, dass sie keinerlei Anlass für eine Kursänderung sieht. Die von ihr getroffenen Entscheidungen halte sie für richtig, betonte sie gleich mehrfach.

Keine Richtungsdebatte

Dass am Tag nach der Niederlage im Nordosten keine heftige Richtungsdebatte in der CDU ausbrach, dürfte allerdings auch damit zusammenhängen, dass die nächste Wahl bereits in zwei Wochen in Berlin ansteht. Offener Streit und Angriffe auf Merkel könnten die Aussichten für den dortigen Landesverband, die ohnehin ebenfalls sehr mau sind, zusätzlich verschlechtern.

Hinzu kommt, dass unklar ist, wie ein Kurswechsel eigentlich aussehen sollte. Soll sich die Kanzlerin jetzt, da die Flüchtlingszahlen längst massiv zurückgegangen sind, etwa doch noch zu einer Obergrenze bekennen? Obwohl der Bundesparteitag der CDU vor einem Jahr das Gegenteil beschlossen hatte? Diesem, aus der CSU bereits am Sonntag erneut erhobenen Ansinnen erteilte Tauber jedenfalls eine klare Absage. Der Forderung nach einer Obergrenze komme derzeit keine besondere Bedeutung mehr zu, sagte er.