Die Zeiten, in denen die CDU den Goldstandard für die bundesrepublikanische Sexualnorm besaß, sind vorbei – wenn es sie je gab. In der Affäre um die Berliner Jura-Studentin und Lokalpolitikerin Jenna Behrends, die den CDU-Innensenator Frank Henkel des Sexismus bezichtigte, offenbart sich eine sexuelle Verunsicherung der Partei, die tief ins Mark geht. Sie fügt der allgemeinen politischen Identitätskrise der Christdemokraten noch eine weitere, schmerzende Schicht hinzu.

Während die Grünen vor Familienfreundlichkeit und Heteronormativität nur so strotzen, ist die Kampfordnung im CDU-Kreisverband Berlin-Mitte derzeit folgende: Die Vorsitzende der Frauen-Union, Sandra Cegla, bekennende Lesbe und Kriminalkommissarin a.D., und die albanischstämmige Mitgründerin der deutschen Femen-Sektion, Zana Ramadani, die vor der Gewalt ihrer muslimischen Familie in ein Frauenhaus geflohen war, beschuldigen ihre Parteifreundin Jenna Behrends, allein erziehende Mutter eines kleinen Mädchens und frisch gewählte Bezirksverordnete, eine "zweifelhafte Persönlichkeit" zu sein. 

In einer gemeinsamen Presseerklärung berichten Cegla und Ramadani von "Frauengesprächen", in denen sich Behrends schriftlich über ein Verhältnis mit dem Generalsekretär der CDU, Peter Tauber, ausgelassen habe. Eidesstattliche Erklärungen werden angeboten sowie die Veröffentlichung des Chatverlaufs. Tauber und Behrends räumen einen Flirt ein, zu mehr sei es aber nicht gekommen. Im Abschluss heißt es in der Erklärung: "Indem sie [Behrends] das wichtige Thema Sexismus für sich instrumentalisiert, verhöhnt sie jedes wahre Opfer von Sexismus."

Jenna Behrends ist 26 Jahre alt. Sie wurde als gänzlich unerfahrene Parteinovizin auf einen der wenigen bombensicheren Listenplätze des Bezirks gesetzt. Behrends nennt es "Vertrauensbeweis"; man könnte es indes auch als Reaktion auf die tiefe Verunsicherung betrachten, von der die CDU gerade im kosmopolitischen Prenzlauer Berg gebeutelt wird.

Wir können Großstadt nicht – zu diesem Schluss war man im aufgeweckteren Teil der Partei gekommen. Nun sind von 39 Sitzen im Abgeordnetenhaus nur noch 31 übrig. Auf vier davon sitzen Frauen. Wo so viel Macht verloren geht, wird der verbleibende Rest mit wütender Eifersucht umkämpft. "Wie viele Plakate haben Sie denn schon in ihrem Leben geklebt?", wurde Behrends gefragt, als sie beim Nominierungsparteitag ganz allein auf der Bühne stand. Jetzt steht der Verdacht im Raum, sie habe sich für das (Ehren-)Amt der BVV-Abgeordneten "nach oben geschlafen", und zwar mit ganz oben, mit Generalsekretär Tauber, dessen Modernisierungskurs an der Seite der Kanzlerin ohnehin von vielen Berliner CDU-Funktionären missbilligt wird.

Dasselbe Schicksal ereilte vor Jahrzehnten die Hoffnungsträgerin der Berliner CDU, Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Anonym wurden in den 1990er Jahren Gerüchte über eine Affäre mit dem damaligen Fraktionschef Klaus Landowsky gestreut – die am Ende aber nicht verhindern konnten, dass sie im kommenden Frühjahr nun erneut den politischen und moralischen Scherbenhaufen zusammenkehren soll, den der unglückliche Frank Henkel hinterlässt.

Henkel wiederum ist die womöglich tragischste Figur in dem ganzen Schlamassel. Denn der 52-Jährige war selbst einmal ein eher unideologischer Seiteneinsteiger aus dem Osten; ein gelernter Journalist und Kaufmann, der so wenig mit den alten Frontstadt-West-CDU-Schlachtrössern aus den großbürgerlichen Zehlendorf und Reinickendorf zu tun hatte, dass er in seinem Wahlkreis Mitte eine Zählgemeinschaft mit der PDS und den Grünen einging, um einem Parteifreund ins Amt des Bürgermeisters zu verhelfen.