Frage: Herr Gysi, aus Sicht von Sahra Wagenknecht ist die Linke für viele zum Teil des unsozialen Parteienkartells geworden. Teilen Sie diese Einschätzung?

Gregor Gysi: Ich will es mal so sagen: Wir gelten für die Leute inzwischen als etabliert, zumindest im Osten. Das heißt, wir sind für sie nicht mehr die Protestpartei. Das ist ein Problem. Und wenn wir uns an Regierungen beteiligen, so wie wir das in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Thüringen gemacht haben oder machen, das unterstreicht den Ruf, dass wir zum Establishment gehören. Aber unsozial? Soziale Forderungen stellen wir ja durchaus verschärft. Nur dort wo wir mitregieren, sind wir an die sozialen Möglichkeiten des einzelnen Bundeslandes gebunden. Zaubern können wir auch nicht.

Frage: Die Linke bekommt praktisch gar keine Stimmen von Protestwählern mehr. Wollen Sie das ändern – und wenn ja, wie?

Gysi:  Wir müssen neue Wähler gewinnen. Es gibt Protestler, die gehen gar nicht wählen, wenn sie nicht die entsprechende Partei dafür finden. Es gibt aber auch solche, die kann man gewinnen, wenn sich der Protest in Bezug auf die AfD erledigt. Mich ärgert, wenn Ärmere die AfD wählen, weil sie nicht wissen, was in deren Programm steht. Diese Partei will Renten kürzen, Hartz IV kürzen, ist gegen die Vermögenssteuer und eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes. Sie hat ein asoziales Programm. Hauptsächlich wird die AfD über ihre Positionen zur Flüchtlingspolitik wahrgenommen – und da verkaufen sie eine Illusion.

Frage: Wie meinen Sie das?

Gysi: Stellen Sie sich mal vor, wir bauen um Europa oder Deutschland eine Mauer, so wie das AfD das will. Vielleicht, so wie Frau von Storch das fordert, mit ein bisschen Schießbefehl. Eine solche Mauer würde von Millionen gestürmt. Und dann entsteht eine unbeherrschbare Situation, denn die eigentlichen Probleme hat man wegen der erreichten Pause nicht einmal versucht zu lösen.

Frage: Wie wollen Sie die AfD wieder kleiner bekommen?

Gysi: Wir müssen die Union in die Opposition schicken. Dann kann sie einen Teil der AfD-Wählerschaft integrieren. Frau Merkel hat die AfD insofern ermöglicht, weil sie die Union teilweise sozialdemokratisiert hat. Gerhard Schröder und seine Nachfolger haben die SPD entsozialdemokratisiert. Die sind so zusammengerückt worden. Die AfD füllt eine Lücke. Keine einfache Situation.

Frage: Ärgert sie denn gar nicht, wenn Frau Wagenknecht die Linke mit einordnet zum unsozialen Parteienkartell?

Gysi: Sie ist ja meine Nachfolgerin und hat das Recht auf ihre Analysen. Und ich mache meine. Eine Partei muss immer breiter aufgestellt sein. Bei bestimmten Fragen wäre es gut, wenn man eine Auffassung hätte. Zum Tierschutz kann man auch unterschiedlicher Auffassung sein.

Frage: Sie selbst haben vor einigen Monaten mächtig Staub aufgewirbelt mit ihrer Einschätzung, die Linke sei saft- und kraftlos.

Gysi: Das stimmt nicht. Ich habe gesagt, sie sei etwas saft- und kraftlos. Aber das habe ich gesagt und das meinte ich auch so. Wir müssen uns ernsthaft Gedanken machen, wie wir an mehr junge Leute rankommen. Das ist eine große Sorge von mir.

Frage: Sehen Sie sich denn nach dem Desaster ihrer Partei bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern bestätigt?

Gysi: Nein, das würde ich nicht sagen. Es hat schon einen Ruck gegeben. Was ich gesagt hatte, hat schon viele erschreckt und aufgeregt. Trotzdem: Wir sind überaltert. Im Westen nicht so wie im Osten. Für die jungen Leute fällt uns nicht so richtig etwas ein. Wer rassistisch und nationalistisch denkt, wird von der AfD erreicht, auch bei den jungen Leuten. Aber wir erreichen die, die nicht so denken, nicht genügend.