Verbale Mäßigung? Wozu Angela Merkel im Bundestag eben noch aufgerufen hatte, spielte auf der Vorstandssitzung der CSU keine große Rolle. Die Bayern beschlossen dort, gegen die doppelte Staatsbürgerschaft zu sein, gegen die Burka und für den Zuzug christlicher Migranten. Zum Abschluss der zweitägigen Klausur auf Schloss Schwarzenfeld in der Oberpfalz bekräftigte Ministerpräsident und Parteichef Horst Seehofer noch mal seinen Kurs: "Die Leute sehnen sich nach Orientierung." Und mit Blick auf die Kanzlerin sagte er: "Seit wann ist klare Sprache in der Politik mäßigungsbedürftig?"

Lässt Horst Seehofer jetzt keine Gelegenheit mehr aus, gegen die Kanzlerin zu sticheln? Setzt die CSU mit ihrem Populismus mutwillig das Fortbestehen der Union aufs Spiel? Sind die Bayern vollkommen durchgedreht und spielen AfD? So einfach ist es nicht.

Seehofers Getöse ist kalkuliert – und die Verstimmung zwischen den Schwesterparteien ist auch nicht neu. Man erinnere sich an die innige Verachtung, die CSU-Chef Franz Josef Strauß und Unionskanzler Helmut Kohl füreinander übrig hatten. Aber warum klingt die CSU ausgerechnet jetzt so aggressiv und unversöhnlich? In Gesprächen mit Parteimitgliedern wiederholen sich vier Argumente.

Angst, zu einem x-beliebigen CDU-Landesverband zu verkümmern

Die wichtigste Erklärung für den Kurs der CSU ist sicher: Für sie steht viel mehr auf dem Spiel als für die große Schwester, es geht um ihre Existenz. Verliert die CDU fünf Prozentpunkte bei irgendeiner Landtags- oder Bundestagswahl, schränkt das vielleicht die Wahl des nächsten Koalitionspartners ein. So ein Ergebnis wäre aber zu verkraften. Selbst eine Legislatur auf der Oppositionsbank wäre für die CDU keine Katastrophe. Für die Christsozialen hingegen geht es um ihre Daseinsberechtigung.

Die CSU kann es sich vielleicht leisten, ein Mal ihre absolute Mehrheit zu verlieren (wie 2008), womöglich ein zweites Mal. Spätestens dann wäre ihr Nimbus dahin – von einem Verlust der Regierungsverantwortung ganz zu schweigen. "Die Bundestagswahl ist das Einstiegstor für das Landtagswahljahr 2018 in Bayern", sagt Horst Seehofer. Und die Wahl in der Heimat, das weiß er, darf er nicht verlieren.

Die CSU hat den Anspruch, von München aus in Berlin und Brüssel mitzuregieren, beispielsweise Griechenlandpolitik zu machen. Selbst eine eigene bayerische Außenpolitik hat Tradition: Franz Josef Strauß flog nach Moskau, Edmund Stoiber und Seehofer taten es ihm nach. Die Ukraine-Krise und die Russlandpolitik standen auch in Schwarzenfeld auf der Tagesordnung.

Diesen Gestaltungsanspruch könnte sich eine geschrumpfte CSU schnell abschminken. Eine CSU, die nicht mal mehr in Bayern unangefochten durchregieren kann, verlöre ihr Gewicht in Bundesrat und Bundestag. Mit einer etablierten rechten Partei im bayerischen Landtag verkümmerte die CSU innerhalb der Union bald zu einem x-beliebigen CDU-Landesverband. Der Politikfuchs Strauß wusste das. Sein viel bemühter Satz, rechts der Union dürfe es nichts geben, war schon immer weniger ein Programmauftrag, wie oft geschrieben wird, sondern eine Lebensversicherung.