30 Tage lang reisten wir, Fotograf und Reporter, durch Mecklenburg-Vorpommern. Wir fuhren 4.000 Kilometer, besuchten Dutzende Orte, sprachen mit unzähligen Menschen, um die Frage zu beantworten: Warum könnte die Alternative für Deutschland bei der Landtagswahl stärkste Kraft werden?

Doch schon als wir unser erstes Ziel erreichten, Godendorf, wo die AfD bei den Gemeinderatswahlen 2014 ein Drittel der Stimmen erhielt, wo die Bürgersteige frisch gepflastert, junge Familien sorglos und die Gemeindesäckel prall gefüllt sind, wo soziale Not also fern war, verstanden wir: Eine einfache Antwort wird es nicht geben.

Wie in Godendorf ist der Erfolg der AfD in ganz Mecklenburg-Vorpommern eigentlich paradox: Fast drei Viertel der Menschen im Land bewerten ihre persönliche Lage als gut oder sehr gut, immerhin die Hälfte ist mit der Arbeit der Landesregierung zufrieden. Seit der Wende war die Arbeitslosigkeit nie so niedrig wie 2016. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs steigt, der öffentliche Haushalt ist ausgeglichen. Warum also wählen die Menschen die Protestpartei AfD?

© Thomas Victor für ZEIT ONLINE

In Erinnerung bleiben wird mir Beate Döring. Wir unterhielten uns mit der lebenslustigen, kräftigen 56-Jährigen auf einer Bank im Dorfzentrum von Medow. Ihr Leben steht exemplarisch für vieler Ostdeutscher, die gleich zwei politische Brüche wegstecken mussten. In der DDR arbeitete die gelernte Zoologin als Rinderzüchterin bei einer großen LPG. Doch nach der Wende machte die dicht, und mit Dörings Qualifikation gab es keinen Job mehr. Einige Zeit noch sortierte sie Kartoffeln beim örtlichen Bauern, räumte Steine vom Feld, dann war Schluss. 

2003 begann Dörings Kampf mit dem Jobcenter, die rot-grüne Bundesregierung setze die Agenda 2010 durch. Die zweite Demütigung für viele Wendeverlierer. Döring wurde gegängelt und schließlich in einer Maßnahme geparkt.Vor einem Jahr starb ihr Mann an Krebs, das bisschen Geld, das sie erbte, gab sie für seine Beerdigung aus. Das Amt zog ihr den Betrag von der Unterstützung ab. Solches Privatvermögen dürfe sie nicht haben. Als wir uns verabschiedeten, klingelte ihr Handy: Ihr Schatzi rief an, seit Kurzem ist sie frisch verliebt. Das gibt ihr Kraft.

Hauptsache, das Essen stimmt

An Manuel Köhn überraschte mich, wie gleichgültig er die erzwungene Entwurzelung junger Menschen seiner Generation hinnimmt. Ich traf ihn vor der Technobühne des Hansefests in Anklam. Vor drei Jahren beendeten er und seine elf Klassenkameraden die Schule. Köhn wollte in Anklam bleiben und machte eine Ausbildung zum Automobilkaufmann. Der Rest seiner Klasse ging in den Westen, um Arbeit zu finden, oder zur Bundeswehr. Köhns Lehre ist zu Ende. Derzeit schreibt er Bewerbungen, 20 Stück hat er schon verschickt. Falls er bis Oktober keine Stelle findet, sagte er mit einem Schulterzucken, haut auch er ab. Für junge Menschen in der Region ist das halt so. Und das schon seit der Wende.

© Hannes Jung für ZEIT ONLINE

Zurück bleiben jene, die sich von Veränderung nicht herausgefordert, sondern bedroht fühlen. Es sind vor allem Männer, die nicht zurechtkommen mit Globalisierung, Frauenrechten und sexueller Freiheit. Sie sind der Unterbau der NPD und der rechten Kameradschaften, die gezielt Freiwillige Feuerwehren, Sportvereine, Kreistage infiltrieren und im Frust der Menschen einen fruchtbaren Boden finden für ihre Gewaltfantasien. Auf dem Hansefest in Anklam griffen zwei von ihnen meinen mitreisenden Fotografen Hannes Jung an.  

Und wer sonst noch da bleibt, arrangiert sich. Wie Georg Reddemann, ein anderer Besucher des Hansefests, der den Angriff abtat und sagte: "Es gibt Gaststätten, da weiß man ganz genau, die gehören einem Rechten, aber ich kriege da ein leckeres Essen serviert, die Bedienung stimmt. Man kann die jetzt boykottieren und gar nicht essen gehen. Oder man sagt: 'Solange es schmeckt, ist es mir egal, wer da kocht.'" Und wenn man nur lange genug mit dem Rechten im gleichen Restaurant isst, scheinen sich auch die politischen Meinungen anzugleichen: "NPD und AfD sprechen die Probleme wenigstens an, auch wenn sie keine funktionierenden Lösungen haben", sagte Reddemann.