ZEIT ONLINE: Friedrichshain-Kreuzberg ist so groß wie Augsburg oder Gelsenkirchen. Wie erklärt man jemandem von dort, wie dieser Bezirk tickt?

Monika Herrmann: Friedrichshain-Kreuzberg ist der bekannteste und beliebteste Bezirk Berlins. Es ist der kleinste und der am dichtesten besiedelte. Hier leben Menschen, die sich nicht gern von oben regieren lassen, sondern mitreden wollen. Aber so rumpelig, wie es gerne dargestellt wird, ist es bei uns dann doch nicht. Friedrichshain-Kreuzberg wird manchmal so verkauft, als würden hier keine Regeln herrschen. Es gibt sie aber, vor allem Regeln des Zusammenlebens.

ZEIT ONLINE: Die große Zahl an Dealern in der Nähe der Partyzonen sowie Raubüberfälle und ein Konflikt mit autonomen Hausbesetzern beschäftigen viele Anwohner. Geht der Bezirk nicht gerade kaputt?


Herrmann: Friedrichshain-Kreuzberg ist ein Seismograf für die Metropole Berlin. Wir haben hier alles gebündelt und auf einmal: Lebensentwürfe von der Wagenburg bis zum Penthouse. Was wir erleben, sind die Spannungen, die dadurch entstehen. Und das wird Berlin in den nächsten Jahren in Gänze erleben. Auch die Auseinandersetzung mit dem Tourismus wird bald andere Stadtteile erreichen.

ZEIT ONLINE: Wollen Sie damit sagen, dass wir die gestiegene Kriminalität hinnehmen müssen?

Herrmann: Drogen haben Sie vor allem dort, wo der Partytourismus stattfindet, Taschendiebstähle auch.

ZEIT ONLINE: Klingt wie eine Naturgewalt, gegen die man nichts tun kann.

Herrmann: Wir können etwas tun, aber nicht so viel, wie wir gerne würden. Als Bezirk sind wir zum Beispiel mit einer Sicherheitsarchitektin der Polizei durch den Görlitzer Park gegangen. Auf ihren Hinweis hin haben wir Sichtachsen geschaffen und die Büsche runtergeschnitten, das Licht verstärkt. Aber die Hauptaufgabe liegt bei der Polizei – und die ist dem Land unterstellt. Die altbekannten Berliner Polizeieinsätze: Druck auf einen Ort machen, Razzien, weg – das funktioniert nicht mehr. Außerdem fehlt Personal. Ich wünsche mir mehr Polizeipräsenz und Sichtbarkeit, in Uniform, zudem mobile Polizeiwachen. Das habe ich auch schon öfter mit dem Innensenator von der CDU besprochen. Passiert ist wenig.

ZEIT ONLINE: Eine linke Grüne, die mehr Polizei in einem Kiez fordert, der traditionell ein gespanntes Verhältnis zu den Beamten hat. Das ist interessant.

Herrmann: Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich mal dahin komme, aber ich finde, wir können den Dealern nicht die Plätze überlassen. Ich habe vorgeschlagen: Lasst uns, statt die kleinen Dealer hochzunehmen, lieber deren Verstecke ausmerzen und die großen Drogenlager. Ich habe vorgeschlagen, Drogenhunde einzusetzen, mit Unterstützung der Bundespolizei. Aber das Land verweist auf nicht ausreichende Kapazitäten. Wir haben als Bezirk also einiges versucht. Was wir nicht tun können, ist den Dealern den Aufenthalt im Park verbieten. Man muss wissen, dass nicht alle Leute, die dort sind und eine schwarze Hautfarbe haben, dealen. Und auch die Dealer tragen die Drogen nicht an sich.

ZEIT ONLINE: Sie bleiben also?

Herrrmann: Wenn wir ehrlich sind, können wir nicht sagen: Das schaffen wir ab, und zwar in einem halben Jahr. Hier existiert knallharte mafiöse Kriminalität. Da wird so viel Kohle verdient, und die Jungs, die da verkaufen, sind nur am Ende der Kette. Da kommst du nicht weiter mit Sozialarbeitern und dem Ordnungsamt. Da braucht es eine groß angelegte Strategie. Leider ist die Zusammenarbeit mit dem CDU-geführten Innensenat so schwierig, aber das wird sich nach der Abgeordnetenhauswahl ja hoffentlich ändern.