ZEIT ONLINE: Herr Ministerpräsident, Sie kommen gerade vom Papst. Wie war er?

Winfried Kretschmann: Er hat einen wachen und, ja, auch einen liebevollen Blick. Er ist der Welt und ihren Problemen zugewandt. Mich beeindruckt der Ernst, mit dem er politische Themen angeht. Die Katholiken können sich glücklich preisen, diesen Mann an ihrer Spitze zu haben.

ZEIT ONLINE: Sie sind nicht nur Landesherr von Baden-Württemberg, sondern auch Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Wie erklären Sie atheistischen Parteifreunden, dass Rom Ihnen wichtig ist?

Kretschmann: Der Papst ist das Oberhaupt der größten Religionsgemeinschaft der Welt, er ist ein Staatsoberhaupt, und die Bundesländer haben mit dem Vatikan Staatskirchenverträge geschlossen. Außerdem bin ich Kirchenbeauftragter der Landesregierung. Das heißt: Selbst wenn ich nicht katholisch wäre, gäbe es viele sehr gute Gründe, Franziskus zu treffen.

ZEIT ONLINE: Was passiert, wenn ein grüner Ministerpräsident einen grünen Papst besucht?

Kretschmann: Ich habe ihm natürlich gedankt, dass er die Schöpfungstheologie so wichtig nimmt. Als erster Papst überhaupt hat er eine ökologische Enzyklika herausgebracht, durch ihn ist die Bewahrung der Schöpfung ins Zentrum unserer Kirche gerückt. Vorher war das Thema zwar schon wichtig, aber noch randständig.

ZEIT ONLINE: Was überzeugt Sie an der grünen Agenda von Franziskus?

Kretschmann: Der Dreischritt: Liebe zu Gott heißt Liebe zum Nächsten heißt Liebe zur Schöpfung.

ZEIT ONLINE: Haben Sie die Enzyklika Laudato si' selber gelesen?

Kretschmann: Ja! Ich finde ja, die Enzykliken sollten nicht länger als das Evangelium selbst sein. Aber Laudato si' hat ja nur 104 Seiten. Ich habe erst eine Zusammenfassung von einem meiner Mitarbeiter gelesen, um dann selber vorstrukturiert an die Lektüre zu gehen.

ZEIT ONLINE: Teilen Sie die Kritik des Papstes an unserer Wirtschaftsweise?

Kretschmann: Die Wachstumskritik, die er übt, wird seit über 30 Jahren vorgetragen. Allerdings kommt bei ihm der Begriff der sozialen Marktwirtschaft nicht so vor, wie es für uns Deutsche selbstverständlich wäre. Wir sind ja ein Industrieland und wollen Wirtschaftswachstum. Unsere Ordnungspolitik muss auch den Kräften des Marktes Raum geben. Die Herausforderung besteht darin, wie wir unser Wirtschaften von ökologischer und sozialer Zerstörung entkoppeln.

ZEIT ONLINE: Franziskus hat es härter gesagt, in seiner ersten großen Papstschrift Evangelii gaudium provozierte er mit dem Satz: Diese Wirtschaft tötet! Stimmen Sie ihm zu?

Kretschmann: Ich verstehe seine Kapitalismuskritik, deswegen arbeiten wir ja an der Ausgestaltung einer ökosozialen Marktwirtschaft. Ich verstehe auch seine Appelle zum Verzicht und gegen die Wegwerfgesellschaft, aber Politiker sind nicht für Strafpredigten zuständig.