Wenn sich Anfang November die CSU zu ihrem Parteitag in der Münchner Messehalle zusammenfindet, soll die Basis auch über das neue Grundsatzprogramm abstimmen. Wer den fast fertigen Entwurf liest, merkt schnell: Das Programm richtet sich an diejenigen, die eigentlich immer Union gewählt haben, das aber in letzter Zeit nicht mehr machen. Wegen der Flüchtlinge, der Globalisierung oder weil ihnen die CDU zu links geworden ist. Markus Blume, ein bestenfalls Insidern bekannter Landtagsabgeordneter, hat das Programm federführend geschrieben. Seit Wochen lobt ihn sein Parteichef, Horst Seehofer, für seine Arbeit in den höchsten Tönen. Kann Blume den Enttäuschten eine neue Heimat geben?

ZEIT ONLINE: Guten Tag, Herr Blume. Wir treffen uns in bewegten Zeiten, auch für die CSU …

Markus Blume: Das stimmt. Wissen Sie, was erstaunlich ist? Es geht uns im Land so gut wie nie zuvor, und dennoch sind viele Menschen sorgenerfüllt. Zwei von fünf Befragten geben an, dass sich die Dinge komplett in die falsche Richtung entwickeln. 40 Prozent! In diesem Umfeld!

ZEIT ONLINE: Woher kommt diese Unzufriedenheit, besonders in Bayern, wo fast Vollbeschäftigung herrscht?

Blume: Weil die Menschen merken: Wir haben in diesem Land wahnsinnig viel erreicht. Wir waren nie so erfolgreich wie heute. Wir waren nie eine so offene Gesellschaft wie heute. In all diesen Entwicklungen sind wir am Kulminationspunkt. Da kommen natürlich Fragen auf, weil so viel auf dem Spielt steht: Kann es überhaupt noch weiter bergauf gehen? Ist unsere Gesellschaft – am Scheitelpunkt der Offenheit – neu gefährdet? Sorgt der Staat noch ausreichend dafür, dass bei uns Sicherheit, Recht und Ordnung gelten? Wir erleben im Moment eine Erosion an Vertrauen in Politik und Staat. Genau deshalb wollen wir als CSU zum Beispiel nicht weniger, als dass man an der Grenze und bei der Zuwanderung wieder zu Recht und Gesetz zurückkehrt. Man darf es in diesen Zeiten nicht freihändig und aus Pragmatimus heraus einfach laufen lassen. Es geht um Existenzielles.

ZEIT ONLINE: Sie gelten nicht als konservativer Hardliner. Ausgerechnet Sie sollen jetzt mit dem neuen CSU-Programm die Unzufriedenen einfangen, der AfD das Wasser abgraben und die rechte Flanke der Union schließen.

Blume: Wir arbeiten seit 2014 an dem Programm. Der Auftrag war zunächst, das Fundament unserer Partei zu aktualisieren. Aber Sie haben recht, in den letzten zwölf Monaten haben wir sehr stark überlegt, wie wir die Leute mitnehmen, die im Moment mit vielen Fragezeichen im Kopf unterwegs sind.

ZEIT ONLINE: "Wir handeln nicht aus Stimmungen, sondern aus Werten", heißt es in dem Entwurf. Beim Durchlesen erkennt man aber, wie sehr das Programm von der Tagespolitik getrieben wirkt. Da ist die Rede von Männern, die Frauen den Handschlag verweigern und implizit vom Burkaverbot.

Blume: Wir legen natürlich unsere Werte und Grundüberzeugungen dar. Aber ein Grundsatzprogramm muss auch Antworten auf die Zeit geben und kann nicht nur ein theoretisches Werk bleiben, das im Schrank verstaubt. Deshalb ist dieses Programm näher an der politischen Diskussion als Programme in der Vergangenheit. Wir machen deutlich, wo es Spielregeln gibt, die man anwenden und manchmal auch einfordern muss. Die Fragen, die sich durch das Programm ziehen, sind: Wie viel Veränderung hält eine Gesellschaft aus, was hält sie in Zukunft zusammen und wo muss der Staat klare Kante zeigen?

ZEIT ONLINE: Sie schreiben, dass man bei uns "sein Gesicht nicht hinter einem Schleier versteckt". Gehört so was in ein Grundsatzprogramm?

Blume: Ich glaube, es sagt viel über die Zeiten aus, in denen wir leben. Es steht an einer anderen Stelle auch: In Deutschland gilt das Grundgesetz. Das wäre vor drei Jahren eine Trivialität gewesen und heute bekommst du dafür Beifall. Man braucht nicht einmal den Zusatz: "– und nicht die Scharia". Die Menschen spüren, dass sich viele Gewissheiten auflösen und an deren Stelle Verunsicherung tritt. Gegen diese Verunsicherung eine Idee von neuer Ordnung zu skizzieren, das ist unser Anspruch.

ZEIT ONLINE: Die Union hat in der jüngsten Vergangenheit viele dieser Gewissheiten selbst abgeräumt: Atomausstieg, Frauenquote, Mindestlohn, Wehrpflicht. Kann man denn die Zeit mit einem Grundsatzprogramm zurückdrehen?

Blume: Eben nicht. Ich sag's mal ganz grundsätzlich: Ich glaube, die Zukunft der Volksparteien  und vielleicht auch die Zukunft des politischen Systems, wie wir es heute kennen, entscheidet sich an der Frage, wie es uns gelingt, mit dieser neuen Komplexität zurechtzukommen. Ich bin der Überzeugung: Wir müssen die Zukunft aktiv gestalten. Ein strikt liberaler Ansatz wäre zukunftsvergessen – die Dinge würden aus dem Ruder laufen. Und umgekehrt, wenn wir sagen, wir drehen das Rad zurück, schotten uns ab, beenden den freien Welthandel, ziehen die Grenzen wieder hoch, beschwören Gesellschaftsmodelle der Vergangenheit, dann ist uns auch klar: Das ist ein rückwärtsgewandtes Modell, das ebenfalls zum Scheitern verurteilt ist.