Es ist schwer zu beschreiben, was die Idee des selbst ernannten Staates ausmacht. In der ausliegenden Broschüre gibt es Sätze wie: "Das Königreich Deutschland ist systemunabhängig und wahrhaft demokratisch." Die 77 Thesen, die Fitzek in Anspielung auf die 95 Thesen des Reformators Martin Luther schon an die Schlosskirche in Wittenberg angebracht hat, enthalten abstrakte Gedanken wie die "Einhaltung der schöpferischen Ordnung" ebenso wie ganz konkrete wie die Abschaffung der Rundfunkgebühren. In Gesprächen betonen Bewohner des Königreichs, dass sie ein "selbstbestimmtes" und "wirklich freies Leben" möchten.

"Wir aber sind etwas Neues!"

"Ich war früher Airbrush-Künstler, habe beispielsweise Autos bemalt", erzählt Benjamin am Stehtisch, unter der gold-rot-schwarzen und mit einer stilisierten Sonne versehenen Flagge des Königreichs. "Aber ich habe mich nicht getraut, große Aufträge anzunehmen und richtig an mir zu arbeiten. Hier kann ich mich entwickeln." Im Königreich hätte er alle möglichen Aufgaben übernommen, auch viele handwerkliche – und einen Sinn für das Praktische entwickelt. "Wenn ich heute an irgendeinem Bahnhof bin und da brennt sinnlos eine Lampe, denke ich: Das kostet doch Geld!" Das erzählt Benjamin und schmunzelt. Je länger er spricht, desto mehr darüber, dass die "BRD nur ein Verwaltungskonstrukt" sei, dass nur auf deutschen Heiratsurkunden keine Nationalität angegeben sei, dass Menschen im Königreich mitmachen würden, die von Pegida enttäuscht seien, weil dort eben nur protestiert werde. "Wir aber sind etwas Neues!"

Ein Rundgang durch die Feier gleicht bisweilen einem Ritt auf einem verschwörungstheoretischen Klangkarussell. "Das Osmanische Reich wurde nur für 100 Jahre aufgelöst", "die Juden sollten erst alle legal aus Hitlers Deutschland nach Israel" – und nicht zuletzt: "Es gibt keinen Friedensvertrag zwischen Deutschland und den Besatzungsmächten!" Reichsbürger will an diesem Abend übrigens kaum einer sein. An einem Tisch verkauft ein Mann für knapp 30 Euro Königreich-Deutschland-T-Shirts, "steuerfrei!".

Wie zunächst nette Menschen irgendwann furchtbare Sachen sagen, zeigt dann Johannes. Er ist 50, Physiotherapeut und extra aus Wiesbaden angereist. "Die Patienten in Deutschland sind nicht selbstbestimmt, sie werden ruhig gehalten von Ärzten, mit Angst und Latein." Johannes knetet seine Hände und erzählt erregt von einem Patienten, der sich schwer an beiden Menisken verletzt hatte – und wie er herausgefunden habe, dass es an der Niere liege, weil im Körper alles zusammenhänge, was aber die Schulmedizin nicht wahrhaben wolle. "Ich habe mich mit den Behörden angelegt", sagt er. Sechs Mal wäre sein Vermögen schon gepfändet worden. Kurz darauf sagt Johannes leise: "Wir müssen aufwachen, wir sind unter US-Herrschaft. Jemand müsste hier einmarschieren, mit Panzern. Vielleicht Russland. Unsere Lage ist sonst aussichtslos."

Sie wollen ein anderes Deutschland

Das Königreich konzentriert sich heute vor allem auf sein Staatsgebiet in dem ehemaligen Krankenhaus. Vor zweieinhalb Jahren gab es noch eine unübersichtliche Anzahl an Liegenschaften, auch eine unweit der berühmten Schlosskirche in Wittenberg, die "Königliche Reichsbank". Heute ist diese "Filiale" verwaist, nur ein Logo mit der Aufschrift "Königreich Deutschland" im Marmorboden erinnert noch an diese Zeit, als König Peter eine Sitzbank herbrachte, sich daraufsetzte und sagte: "Das ist die Reichsbank! Wir betreiben keine Bankgeschäfte!" Diese spitzfindige Verwirrungstaktik überzeugte die Finanzaufseher der Bafin aber nicht. Sie klagten. Das Königreich geriet in eine Krise, verlor Mitglieder, scheint sich davon aber wieder gut erholt zu haben.

An diesem Abend tanzen sie auch ohne ihr Oberhaupt, auch wenn die Verwirrung immer noch eine ihrer mächtigen Ressourcen zu sein scheint. Sie wohnen im Königreich, träumen von Freiheit und Basisdemokratie, und manche reden plötzlich über Konfuzianismus. Diese gedankliche Unordnung ist es, die es jedem erlaubt, das Königreich so zu sehen, wie die eigene Realität sein sollte. Wie Roy, 23 Jahre, der bisher in Magdeburg "einige verschiedene Sachen" studiert hat. Bei einem Bier erzählt Roy, er habe erst nicht mitmachen wollen, da ihm eine Basisdemokratie vorschwebe. "Aber dann habe ich verstanden, dass richtige Demokratie nur so geht!"

Bitte, was? "In einer Räterepublik gibt es viele verantwortliche Positionen, es ist schwer, dafür Leute zu finden. Hier gibt es einen König, auf den sich die Bundesrepublik konzentriert, und wir anderen können demokratisch vorgehen." Seit drei Tagen sei er Staatsbürger. Unlogisch findet er sein Gedankenkonstrukt nicht. Mehr zu sich selbst sagt Roy dann: "Ich konnte mich früher nicht überwinden, etwas zu tun. Ich weiß auch nicht, warum ich so antriebslos war."

Vielleicht ist das der einzige wirklich gemeinsame Nenner aller Aktivisten im Königreich: Sie haben ihren Platz in Deutschland nicht gefunden. Deshalb wollen sie ein anderes Deutschland.