Es ist ein großer Tag für das Königreich – und der König begrüßt alle Ankommenden persönlich. Er wartet direkt hinter der Tür, wo ein langer Flur beginnt, erleuchtet von Halogenlampen. Des Königs Haare sind streng nach hinten gekämmt, sein nachtblaues Hemd betont die sportliche Figur, in einer Hand trägt er eine Aktentasche. Mit der anderen weist er auf ein eng bedrucktes Poster an der Wand: "Die Reformation der Neuzeit in 77 Thesen." Alles akkurat, nur: Der König ist aus Pappe. Was Schein ist und was Sein, ist schwer auseinanderzuhalten im "Königreich Deutschland".

Seit der Gründungszeremonie im September 2012 hält König Peter mit seinen Getreuen auf dem weitläufigen Gelände eines ehemaligen Krankenhauses in Wittenberg Hof, kaum zwei Autostunden südlich von Berlin. Ihr selbst proklamierter Staat hat existenzielle Krisen durchgemacht, internen Zwist, sah Millionenforderungen auf sich zukommen und mehr als 200 Polizisten auf einmal, die das "Staatsgebiet" durchsuchten – und ist im Herbst 2016, an seinem vierten Geburtstag, doch immer noch da. Sogar bei Google Maps taucht das Königreich mittlerweile auf.

Der König aber, Peter Fitzek, kann den Geburtstag nicht mitfeiern. Er sitzt in Haft, weil er Geld seiner Anhänger veruntreut haben soll, von mehr als einer Million Euro ist die Rede. Das Landgericht Halle hat vom 20. Oktober 2016 bis März kommenden Jahres 26 Verhandlungstage angesetzt. Zuvor hatte Fitzek die Gerichte beschäftigt, weil er wiederholt mit einem selbst gefertigten Führerschein seines Königreichs am Steuer erwischt wurde. Seine Anhänger kämpfen für ihn. Neben dem Pappkönig im Krankenhausflur hängt ein Zettel: #FreePeter.

Beinahe könnte das alles eine romantische David-gegen-Goliath-Geschichte sein, Idealisten gegen Behörden, würden diese Idealisten von Fachleuten nicht den selbst ernannten Reichsbürgern zugerechnet. Reichsbürger erkennen Deutschland als Staat nicht an oder sie glauben, Deutschland sei immer noch von den Alliierten besetzt.

"Rechtsextreme und menschenfeindliche Ideologie"

Kürzlich hat das Innenministerium erklärt, aus der Szene heraus seien "schwerste Gewalttaten" zu erwarten. Ein Reichsbürger, der sein Anwesen in Sachsen-Anhalt zum eigenen Staat erklärt hat, lieferte sich im Sommer einen Schusswechsel mit der Polizei, drei Beamte wurden verletzt. Und in dieser Woche erschoss ein 49-jähriger Reichsbürger im fränkischen Georgensgmünd einen Polizisten und verletzte drei weitere zum Teil schwer. In einer Analyse der Amadeu Antonio Stiftung, die über Rechtsextremismus forscht, heißt es: "Hinter der Maskerade aus Verschwörungsdenken, Esoterik und Regierungsspielchen steckt eine handfeste rechtsextreme und menschenfeindliche Ideologie." Fitzek und das Königreich werden dort als "prominente Vertreter" der Szene geführt.

Eine Szene allerdings, die nicht hierarchisch organisiert, sondern teilweise untereinander zerstritten ist. Die einzelnen Gruppen haben zumeist wenig miteinander zu tun, manche sind gewalttätig, andere nicht. Viele Reichsbürger schikanieren die Behörden mit sinnlosen Anträgen vor Gerichten oder versuchter Einschüchterung von Staatsdienern. Was alle Reichsbürger eint, sind ihre kruden Ansichten.

Was aber bewegt Menschen, in einem Fantasiestaat zu leben? Was aber bewegt Menschen, in einem selbst ernannten Königreich zu leben?

Bei der Geburtstagsfeier lehnt sich Benjamin Freiherr von Michaelis am frühen Abend leicht über einen Stehtisch und sagt: "Wir sind gar keine Reichsbürger. Wir wollen ja nicht nur meckern, sondern etwas erschaffen." Michaelis ist Aktivist der ersten Stunde, er hat akkurat nach hinten gegelte Haare, trägt Hemd und etwas früher an diesem feierlichen Abend eine besondere Verantwortung: Zusammen mit einem anderen Freiherren, Martin Freiherr von Schulz, hält er eine Rede.

Ein bunter Mix mit nationaler Note

"Mit uns beginnt eine neue Zeit! Seid euch dessen bewusst!", rufen die beiden jungen Männer den gut 80 Anwesenden zu, die in einem langen Flur stehen. Applaus. "Sie versuchen, Peter kleinzukriegen! Aber da sind sie an den Falschen geraten!" Großer Applaus. "Wir haben 17.000 Euro an Spenden für Peters Verteidigung gesammelt!" Stürmischer Applaus. Martin und Benjamin zählen auf: Etwa 1.000 Staatsbürger und Assoziierte gebe es, 24 Menschen hätten nicht nur komplett mit der Bundesrepublik gebrochen, sondern würden auch auf dem Staatsgebiet wohnen. Das neue Deutschland, in einem alten Krankenhaus. Wieder Applaus. Ach, und: "Das Buffet ist eröffnet!"

Es gibt vegetarische Leberwurst und Chili con Carne, selbst gebackenen Kuchen und Äpfel aus der Region. Das Menü ist wie die Ideologie des Königreichs: ein bunter Mix mit nationaler Note.