Auf der Insel Kririwina, Papua-Neuguinea, kennen die Menschen ein Wort, dessen Aussprache vermutlich ganz anders ist, als ich sie mir vorstelle. Schreiben könnte man es mokita und es bezeichnet die Wahrheit, die alle kennen, über die aber niemand spricht.

In Mainz kennen die Menschen auch Wörter, deren Aussprache anders ist, als die meisten außerhalb von Rheinland-Pfalz sie sich vorstellen. Und doch wird das Folgende vermutlich auch in anderen Oberbürgermeisterbüros schon so ähnlich, nur in anderen Dialekten, gesagt worden sein: "Herr Oberbürgermeister, EINE Mieterhöhung kann ich noch verkraften, aber wenn dann noch eine kommt, muss ich ausziehen." Gesagt hat mir das eine ältere Dame vor einigen Wochen. Sie hatte mich in meiner Bürgersprechstunde besucht.

Wir haben es gut in Mainz. Wer an Mainz denkt, der denkt an Gutenberg und die Fastnacht, an Fußball und Wein. Wir haben aber auch ein Problem: Uns gehen die Wohnungen aus. Auch die für die Mittelschicht. Wenn in Mainz ein Krankenpfleger eine Polizistin heiratet und sich beide Kinder wünschen, wird es eng – in der alten Wohnung räumlich, in der neuen finanziell. Die Mieten sind in den vergangenen Jahren rasant gestiegen, die Löhne sind es nicht. Und es wird saniert. Das ist gut für die Energiewende, aber es ist schlecht für die ältere Dame in meiner Bürgersprechstunde. Am Ende legt der Vermieter die Sanierungskosten auf sie um. Das ist eine dieser Wahrheiten, die im Raum stehen.

Ein Wohnungsbauprogramm – milliardenschwer

Obwohl wir es beide für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit halten, dass Menschen nach Jahrzehnten ihre Nachbarschaft, ja vielleicht ihre Stadt verlassen müssen, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten können, können weder die ältere Dame noch ich etwas daran ändern.

Dabei ist es nicht so, dass wir es in Mainz nicht versuchen würden. Bis 2020 wollen wir 6.500 zusätzliche Wohnungen (im Vergleich zu 2011) gebaut haben. Wahrscheinlich werden wir diese Zahl sogar deutlich übertreffen. Es wird so viel gebaut wie lange nicht mehr. Wir wollen künftig bei großen Neubaumaßnahmen vorschreiben, dass ein Viertel der Wohnungen sozial gefördert werden muss. Schon in der Vergangenheit haben wir solche Quoten vorgeschrieben, jetzt wollen wir sie erhöhen. Und in den kommenden zwei Jahren wird die Wohnbau Mainz, unser kommunales Wohnungsunternehmen, 1.000 zusätzliche Wohnungen in die soziale Förderung aufnehmen. Möglich macht es Geld vom Land. All das reicht aber nicht. Es ist einfach zu wenig. Was wir brauchen, ist ein Wohnungsbauprogramm des Bundes. Milliardenschwer. Jahrelang.

Die Bundesbauministerin hat das erkannt und sie hat gehandelt. Nun steigen die Bundesmittel für den sozialen Wohnungsbau. Das ist gut. Die Kommunen brauchen dieses Geld und sie brauchen es schnell und am besten direkt vom Bund. Mit der neuen Offensive im sozialen Wohnungsbau und der Mietpreisbremse hat die SPD den richtigen Weg eingeschlagen. Aber was Jahrzehnte lang vernachlässigt wurde, Politik für sozialen Wohnungsbau und die Mittelschicht, lässt sich nicht in einem Jahr beheben. Vor allem wenn der Koalitionspartner mehr auf schwarze Nullen blickt, als darauf, was das Land braucht. Und das ist in den großen Städten noch mehr Geld für bezahlbares Wohnen. Wer heute nicht wohnen kann, dem hilft morgen auch kein Haushaltsüberschuss in Berlin.

Seit Jahren wird an Menschen gespart

Die Frau verabschiedete sich von mir, ohne mir übel zu nehmen, dass ich nichts für sie tun kann. Sie machte mir keine Vorwürfe. Sie hatte es, das ist die zweite unausgesprochene Wahrheit zwischen uns, nicht anders erwartet. Trotzdem ist sie gekommen, zu mir, dem Politiker, um mir von ihren Sorgen zu erzählen.

Andere kommen nicht mehr. Sie erwarten nichts mehr von der Politik. Sie glauben, wir wüssten, wie es ihnen geht und es sei uns egal und deshalb machten wir nichts für sie. Die Wahrheit liegt dazwischen: Ich weiß von der Wohnungsnot, es ist mir nicht egal und ich tue, was ich kann. Aber es reicht eben nicht. Das aber macht nicht nur mich wütend, sondern immer mehr Menschen. Sie verabschieden sich von einer Politik, die ihnen nichts versprechen kann.

Seit Jahren wird gespart – an Löhnen, an Städten, an Menschen. Ein Fünftel der Kinder in der Republik lebt in Armut oder ist von Armut bedroht. In vielen Schulen lernen die Kinder etwas über Baustoffkunde, ganz ohne Lehrplan, einfach weil die Baustoffe von der Decke rieseln. Freibäder, Bibliotheken, Universitäten, Straßen, Brücken (wir haben damit unsere Erfahrung in Mainz), Theater – sparst du in der Zeit, dann hast du in der Not. Zwar keine Theater und Bibliotheken mehr und auch keine glücklichen Kinder, aber dafür eine schwarze Null.