Hatten sie nicht mal einen Plan bei der SPD? Wollten sie diesmal auf dem Weg zum eigenen Kanzlerkandidat nicht alles besser machen? Bei Generalsekretärin Katarina Barley klingt es noch so. Barley spricht von "unserem Fahrplan", als garantiere schon die Wiederholung des Wortes, dass bei den Sozialdemokraten mal alles so läuft wie von der Parteiführung gewünscht: Die Kandidatenfrage wird erst Anfang des Jahres beantwortet, heißt es noch immer, wenn die SPD-Spitze irgendwo in Mikrophone spricht – nach den Erlebnissen der letzten Wochen glauben sie es selbst nicht mehr.

In Wahrheit ist der von Parteichef Sigmar Gabriel gewünschte "Fahrplan" längst zerredet und zerquatscht von den eigenen Leuten. Der naheliegende Wunsch der Genossen, sich bei der Kandidatenkür nicht noch einmal wie 2009 und 2013 selbst zu überrumpeln, ist untergegangen im lauten K-Geplaudere: Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil preist den Gabriel-Konkurrenten und EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz ("einer der geachtetsten europäischen Politiker"). In Nordrhein-Westfalen halten sie mit Dutzenden Gabriel-Plädoyers dagegen.

Das Paradoxe am aktuellen Personaldebatten-Masochismus der SPD: Viele von denen, die jetzt den Namen Schulz als Alternative ins Gespräch bringen, haben in Wahrheit ein ganz anderes Ziel: Sie wollen Gabriel zwingen, schneller zuzugreifen. Deshalb ist ihnen jede Plauderei recht. Es geht dabei auch um die Interessen der Fast-noch-jungen-Generation, zu der etwa Sozialministerin Andrea Nahles gehört. Nicht wenigen Sozialdemokraten in dieser Altersklasse wäre es nur recht, wenn Sigmar Gabriel endlich das unsichere Duell gegen Merkel annehme. Sie sehen in ihm das kleinere Kandidaten-Übel auf dem Weg zum eigenen Aufstieg: Verliert Gabriel, wären sie schnell ein Teil des Neuaufbaus nach der Wahl.

Mit ihrer Drängel-Strategie sind die Sozialdemokraten mal wieder hochriskant und selbstgefährdend unterwegs: Sollte das Gerede über die Stärken von Schulz und Gabriels Schwächen noch einige Wochen weitergehen, hat man den Parteichef wohl so beschädigt, dass er schon deshalb nicht mehr antreten kann. Der Kanzlerkandidat hieße dann tatsächlich Martin Schulz, was einigen Jusos und SPD-Linken ganz gut gefallen würde. Sie denken ähnlich international wie der EU-Politiker und mögen ihn schon allein deshalb, weil er mit ihnen nicht so ruppig umgeht wie Gabriel das kann. Was sie vergessen: Eine Sehnsuchts-Kandidatur von Schulz könnte schnell ins nächste Parteidesaster führen – einige Gründe sprechen dafür:

Erstens: Die Sozialdemokraten versuchen momentan, Abstand zur Merkel-Koaltion zu gewinnen und damit erkennbarer eigenständiger zu werden. Das Problem: Schulz war in Europa bisher vor allem mit einer Aufgabe beschäftigt – in einer inoffiziellen großen Koalition mit den Christdemokraten seine Macht zu festigen. Dazu kommt: Die EU-Skepsis ist auch unter den sozialdemokratischen Wählern größer geworden, im Wahlkampf ist eine lange Brüssel-Karriere eher ein Nachteil.