Die Sonne wagt sich nur zögernd heraus an diesem Berliner Sonntagvormittag, doch die Besucher drängen sich schon eine Stunde, bevor es losgeht, vor der SPD-Zentrale. Im Atrium nehmen die verstreuten bunten Pappwürfel dem alle überragenden Willy Brandt etwas von seiner Strenge. Die Partei hat die Bürger eingeladen, gemeinsam in sogenannten Zukunftsräumen das komplette Lexikon der Politikfelder durchzudeklinieren: Bildung, Arbeit, Integration, Sicherheit, Familie, Europa, Wirtschaft, Umwelt, Digitales …

Der Zukunftskongress sei der Startpunkt für die Wahlprogrammdebatte, sagt Katarina Barley, die Generalsekretärin der SPD. "Wir wollen nicht nur unsere Ideen vorstellen, sondern wir wollen auch die Anliegen der Bevölkerung hören." Fraktionschef Thomas Oppermann ergänzt: "Wir waren in der großen Koalition nur so erfolgreich, weil wir die Mitglieder als dritten Verhandlungspartner mit am Tisch hatten. Denn sie haben zum Schluss über den Koalitionsvertrag abgestimmt. Und diesmal lassen wir die Basis von Anfang an mitreden." Und nebenbei kann man die Aktion auch als Antwort verstehen auf die "Volksverräter"-Rufer, die den "etablierten Parteien" vorwerfen, abgehoben zu sein und nichts von den echten Problemen der Menschen mitzubekommen.

Um Inhalte soll es also gehen, nicht um Personalfragen. Trotzdem fährt die Partei fast die gesamte SPD-Prominenz auf: den Parteichef natürlich, der sich auch heute kein Wort zur K-Frage entlocken lassen wird, die Ministerinnen Manuela Schwesig und Andrea Nahles, die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer etwa und den Gesundheitsexperten Karl Lauterbach.

Damit ist auch die gesamte Programmkommission dabei. Sie soll das Wahlprogramm erarbeiten, über das im kommenden Jahr per Mitgliederbefragung entschieden werden soll. Das Signal: Transparent, modern und basisdemokratisch zieht die SPD in den Wahlkampf. Und es ist wohl auch ihre einzige Chance.

Denn tatsächlich fragt man sich schon länger: Was wollen die bei der SPD eigentlich? Für TTIP oder dagegen, Vorratsdatenspeicherung ja oder nein, Rentenalter rauf oder runter? Hinzu kommt: Weiß man überhaupt, was man kriegt, wenn man die SPD wählt? Dass Angela Merkel Bundeskanzlerin bleibt? Eine erneute Koalition mit der rechts blinkenden CSU? Oder doch das Experiment Rot-Rot-Grün? Und wer würde dann eigentlich Kanzler? Aus Sicht der Genossen wiederum dürfte die bange Frage ein Jahr vor der Bundestagswahl lauten: Interessiert es überhaupt noch jemanden, wofür ihre Partei steht, die zwischenzeitlich unter 20 Prozent gerutscht war?

Dem Zuschauerzustrom zu urteilen, ja. Die Schlange am Einlass ist lang. Junge, Ältere, Frauen und Männer, in etwa gleich verteilt. 850 Interessierte seien gekommen, sagt der Pressesprecher. Hört man sich um, sind es auch nicht nur SPD-Mitglieder.

Streitgespräch mit Klaas Heufer-Umlauf über die AfD

Zu dem Andrang dürfte auch ein Publikumsmagnet aus dem Privatfernsehen beigetragen haben: Klaas Heufer-Umlauf. Der bekennende SPD-Fan interviewt Parteichef Sigmar Gabriel allerdings kein bisschen Halligalli-Style, zwischenzeitlich ist es ein regelrechtes Streitgespräch, als es um den Umgang mit der AfD geht. Haben die beiden sich anfangs gesiezt, verfällt plötzlich Gabriel ins Du.

Heufer-Umlauf ist skeptisch, ob man mit AfD-Anhängern überhaupt reden soll: "Humanismus ist nicht verhandelbar." Gabriel erwidert: "Zuhören ist in der Politik manchmal das Anstrengendste." In der Gesellschaft gebe es auch "Menschen, die Angst haben – unberechtigterweise zwar – aber mit denen muss ich doch reden. Die Hitze der Integrationsaufgabe spürt man nicht in unseren klimatisierten Büros", redet sich Gabriel in Fahrt. Gerade heute dürfe man als Sozialdemokrat unangenehmen Fragen nicht aus dem Weg gehen, "Sozialdemokraten müssen hingehen, wo das Leben ist, wo es stinkt". Und denen, die AfD wählen, weil sie Abstiegsängste haben, müsse man sagen: Die AfD will nicht mal den Mindestlohn.

Aber Gabriel redet auch Tacheles. "Was wir seit Monaten an Aggressivität und Gewaltbereitschaft und Respektlosigkeit erleben, ist unfassbar." Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Radikalisierung begännen immer mit der Sprache, etwa in sozialen Medien. Sie endeten mit Morden an Ausländern oder Polizisten. Ohne die AfD zu nennen, fügt der Vizekanzler hinzu: "Die geistigen Väter dieser Brandstifter sitzen jetzt schon in den ersten Landes- und Kommunalparlamenten."