Frage: Frau Nahles, stehen die Errungenschaften der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie in Zeiten der Digitalisierung auf dem Spiel?

Andrea Nahles: Nein. Aber wir brauchen einen neuen Kompromiss zwischen Sicherheit und Flexibilität. Die Arbeitgeber sind zunehmend dem globalen Wettbewerb ausgesetzt, Kundenerwartungen wandeln sich. Auf der anderen Seite haben auch Arbeitnehmer neue Wünsche: Sie wollen pünktlich zur Familie nach Hause und sich lieber abends nochmal zu Hause an den Schreibtisch setzen.

Frage: Ist der Umbruch vergleichbar mit der industriellen Revolution, droht den Arbeitnehmern neue Ausbeutung?

Nahles: Wir haben in Deutschland eine besondere Verabredungskultur zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Wir können die digitale Revolution mit Sozialer Marktwirtschaft und Sozialpartnerschaft besser bewältigen – auch als klare Alternative zu manch ausbeuterischen Geschäftsmodellen aus dem Silicon Valley. Klar ist aber auch: Die digitale Revolution kommt schneller als vielen klar ist. Wir dürfen keine Zeit verplempern.

Frage: Pessimistische Studien gehen davon aus, dass jeder Zweite Job seinen Job verliert, weil Roboter und Maschinen uns die Arbeit wegnehmen. Was wollen Sie tun?

Nahles: Das sind übertriebene Horrorszenarien. Aber in Deutschland sind immerhin potenziell zwölf Prozent der Jobs von der Automatisierung betroffen. Das heißt nicht, dass all diese Arbeitsplätze wegfallen. Aber wer nicht bereit zur Weiterbildung ist, riskiert seinen Job. Besonders heftig ist das in der Logistik und im Handel zu spüren. Wenn in der Zukunft der Warenkorb nur noch durch eine Schranke geschoben werden muss, mit der die Einkäufe erfasst werden, müssen wir den Beschäftigten an der Kasse frühzeitig berufliche Alternativen bieten. Der Transformationsdruck ist groß. Betriebe müssen mehr tun, aber wir brauchen auch eine öffentliche Weiterbildungsoffensive.

Frage: Wie soll die aussehen?

Nahles: Es gibt verschiedene Bausteine. Die Bundesagentur für Arbeit wird eine bundesweite Weiterbildungsberatung anbieten. Bisher haben wir das an fünf Standorten ausprobiert, jetzt soll das in jeder Arbeitsagentur aufgebaut werden. Arbeitnehmer werden dort unabhängig beraten und besser individuell unterstützt. Wir müssen vermeiden, dass wir in Zukunft Fachkräftemangel und Arbeitslosigkeit zugleich haben.

Frage: Was planen Sie noch?

Nahles: Ich stelle mir ein Persönliches Erwerbstätigenkonto vor. Jeder Arbeitnehmer soll ein Guthaben erhalten, mit dem Zeit für Weiterbildung oder familienbedingte Auszeiten finanziert wird. Es geht dabei nicht um klassische betriebliche Weiterbildung, die Einweisung in eine neue Maschine bleibt Sache des Arbeitgebers. Wir wollen vorausschauende Weiterbildung finanzieren, in Fertigkeiten, die absehbar wichtig werden. Mit dem Guthaben sollen Arbeitnehmer zur Weiterbildung motiviert werden. Wer eine geringe Qualifikation hat, soll ein höheres Guthaben bekommen als ein Akademiker.