Mein Verdacht ist: Merkel weiß das längst. Merkel weiß längst, dass die Austeritätspolitik eine katastrophale Fehlentscheidung war, dass ihr Finanzminister Europa an den Rande des Kollaps geführt hat und dass diese Politik damit auch große Verantwortung für die globale Stagnation hat. Denn Merkel ist weder eine Idiotin noch ein ideologischer, doktrinärer Sturschädel. Daher weiß sie: Wer sie fortsetzen will, ist ein Feind der pluralen Demokratie und trägt zu ihrer Zerstörung bei.

Merkels Problem ist freilich: Sie weiß, dass sie mit dieser Politik identifiziert wird, sich mit dieser Politik identifiziert hat. Und dass deswegen ein Kurswechsel mit dem Eingeständnis verbunden wäre, grob falsch gelegen zu haben. Und das ist für Politiker, wie man weiß, keine leichte Sache. Daher sind Kurswechsel in der Regel ja auch leichter mit Regierungswechseln hinzukriegen.

Aber wenn jemand die Kunst beherrscht, die Politik langsam, aber sukzessive zu verändern, sie pragmatisch so zu adaptieren, dass man irgendwann das Gegenteil von dem tut, was man zuvor getan hatte, aber ohne jede dramatische Geste, so als wäre eigentlich gar nichts Bemerkenswertes vorgefallen – dann ist dieser Jemand Angela Merkel.

Sie kann sich verdient machen

Noch einmal könnte sie sich verdient machen: Indem sie den neuen, ohnehin schon entstehenden Anti-Austeritäts-Konsens genauso adoptiert und zu ihrer Sache macht, wie sie das schon mit Themen wie Atomausstieg, Schwulen- und Lesbenrechten, Frauengleichstellung und anderen Themen hingekriegt hat, die nicht zu den ureigenen christdemokratischen Anliegen gezählt haben. Indem sie also den deutschen Konservativismus vom wirtschaftstheoretischen Traumland (oder besser: Albtraumland) in die Realität führt.

Angesichts des moderierenden Politikstils, der Merkel fast immer (mit Ausnahme der Flüchtlingspolitik) charakterisiert hat, wird gewiss nicht zu erwarten sein, dass sie zur "Anführerin" der westlichen Welt in dem Sinn wird, dass sie auf mutige Weise voranstürmt – sondern eher, dass sie einen Konsens herbeimoderiert und Anstöße aufnimmt, die von anderen kommen. Von anderen "Führern", aber auch von der Wirklichkeit.

Wenn sie das auch diesmal schafft, dann kann sie tatsächlich zur Retterin der freien Welt werden.