Sie kennen das. Den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, ist so eine Sache. Der richtige Zeitpunkt für ein Kind, der richtige Zeitpunkt für einen Jobwechsel – schwierig. Besonders schwierig ist es mit dem richtigen Zeitpunkt, wenn es darum geht, das Offenkundige zu sagen oder beredt zu schweigen. Das gehört zur hohen Kunst der Diplomatie.

Als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag weiß das der CDU-Politiker Norbert Röttgen. Dachte man jedenfalls bis Dienstagabend. Dann sagte er dem US-Fernsehsender CNN, dass Angela Merkel für eine vierte Amtszeit kandidiere: "Sie wird als Kanzlerkandidatin antreten." Bam. Die Nachricht verbreitete sich innerhalb weniger Minuten in der ganzen Welt. Unmittelbar nach den Eilmeldungen versuchten die CDU-Zentrale und Regierungssprecher Steffen Seibert, die Worte Röttgens einzufangen. Die Kanzlerin werde sich zu dieser Frage zu gegebener Zeit äußern. Aus der CDU-Spitze hieß es, es sei "nahezu ausgeschlossen", dass Röttgen wisse, was Merkel vorhabe.

Also: Völlig falscher Zeitpunkt, Röttgen, setzten, sechs? Oder handelt es sich im Gegenteil gar um eine besonders ausgebuffte PR-Strategie, Merkels Ambitionen auf eine vierte Amtszeit zu begleiten? Letzteres ist mehr als unwahrscheinlich. Eine Kanzlerkandidatur anzukündigen, steht üblicherweise demjenigen zu, der dieses Amt anstrebt – so hat es Merkel auch bei ihren drei bisherigen Kandidaturen gehalten. Viel wahrscheinlicher ist es, dass Röttgen in einer Mischung aus diplomatischem Blackout und nicht im Zaum gehaltenem Geltungsdrang vergaß, den Konjunktiv zu verwenden.

Es ist schon eine besondere Pointe, dass es nun Röttgen ist, der plaudert. Die Kanzlerin schasste ihren damaligen Umweltminister 2012, nachdem die CDU mit ihm als Spitzenkandidat die NRW-Landtagswahl verloren hatte – vor allem, weil Röttgen sich nicht darauf festlegen wollte, auch als Oppositionschef nach Düsseldorf zu wechseln. Merkel ließ Röttgen damals nicht vollends fallen, obwohl der ihrer Aufforderung, selbst zurückzutreten, nicht nachgekommen war. Seit 2014 ist der Jurist Ausschussvorsitzender. In den vergangenen Jahren erarbeitete er sich den Ruf eines exzellenten Außenpolitikers, dem sogar das Amt des Außenministers zugetraut wurde. Das dürfte sich nun erledigt haben.

Die Aufregung um Röttgens Interview legt offen, wie stark die Erwartung an Merkel international gewachsen ist, den bald zwölf Jahren ihrer Kanzlerschaft weitere hinzuzufügen. Nach dem Sieg Donald Trumps bei der US-Präsidentschaftswahl hoffen viele – eben nicht nur in Deutschland – dass Merkel weitermacht: als Regierungschefin der Bundesrepublik und starke Frau Europas, gar als "letzte Verteidigerin des liberalen Westens", wie sie die New York Times bezeichnete.

Merkel sei "absolut willens und bereit, zu der internationalen liberalen Ordnung beizutragen", sagte Röttgen CNN noch. Der Satz verweist auf das Motiv, das für Merkels Entscheidung zentral sein dürfte. Sie selbst hat es wenige Stunden nach Trumps Sieg in einem viel beachteten Statement benannt, als sie dem künftigen US-Präsidenten eine enge Zusammenarbeit anbot – auf der Basis von Demokratie, Freiheit, dem Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung. 

Wann erklärt sich Merkel?

Wann aber wird sie ihren Entschluss bekannt geben? Ist nach Trumps Wahl und der Einigung mit der SPD auf einen Bundespräsidentenkandidaten nicht endlich die Zeit reif, die eigene Macht und den eigenen Gestaltungsanspruch zu behaupten? Dass Merkel selbst Meisterin des richtigen Zeitpunkts ist, hat sie oft genug bewiesen. Die CDU-Vorstandsklausur am 20. und 21. November wäre dazu eine Möglichkeit, oder aber der CDU-Parteitag am 6. und 7. Dezember in Essen. Lässt sie sich dort als Parteivorsitzende wiederwählen, wäre es eine Sensation, wenn sie nicht als Spitzenkandidatin in den Bundestagswahlkampf zöge – schließlich hat sie immer die Auffassung vertreten, dass Parteivorsitz und Kanzlerschaft zusammengehören.

Der Zeitpunkt der Äußerung Röttgens könnte dem Kanzlerinnenstab dramaturgisch sogar zupass kommen. Je mehr Unionspolitiker sich nun für eine vierte Amtszeit Merkels aussprechen, desto besser. Sie käme mit Rückenwind in den Wahlkampf.