Angela Merkel wusste, dass sie ihren Parteimitgliedern an diesem Tag keine Freude machen würde. "Es ist eine Entscheidung aus Vernunft", sagte die Kanzlerin am Montagmorgen bei einer Telefonschalte zu ihren Präsidiumsmitgliedern. Gemeint war damit die Kandidatur von SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier für das Amt des Bundespräsidenten, die die Union nun doch mittragen wird.

Dass das eine Blamage ist, ist in der CDU unbestritten. Kein geringerer als Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) nannte die Entscheidung im Präsidium eine "Niederlage". "Die CDU hat blank gezogen", sagte ein anderes Vorstandsmitglied, das allerdings nicht genannt werden möchte. "Ein toller Sieg für die SPD", klagte ein langjähriges Mitglied der Bundestagsfraktion. Andere haben schon eine Schuldige gefunden: Für Merkel sei der ganze Vorgang ausgesprochen peinlich, heißt es in der Fraktion.

Dass die Entscheidung für Steinmeier sowohl die CDU als auch die CSU bitter ankommt, hat dabei weniger mit der Person des Außenministers zu tun. Der ist in der Union durchaus anerkannt. Wenn etwa der CDU-Europapolitiker Elmar Brok Steinmeier für seine langjährige Erfahrung, für seine Krisenerprobtheit und für seine ausgleichende Art lobt oder der CSU-Vize Manfred Weber Steinmeiers Führungsstärke preist, dann ist das ernst gemeint.  

Schmerzhaft ist für die Union allerdings die Art und Weise, wie diese Kandidatur zustande kam. Noch im Frühsommer, als sich abzeichnete, dass Bundespräsident Jochachim Gauck nicht noch einmal für dieses Amt kandidieren wollte, wurde kolportiert, Merkel werde Steinmeier als Bundespräsidenten nicht mittragen. Sie wisse, dass ihre Partei von ihr erwarte, dass die Union den nächsten Bundespräsidenten auswähle. Schließlich stellt die Union in der Bundesversammlung mit 543 von 1.260 Delegierten mit Abstand die größte Fraktion.

Trügerische Hoffnungen

Als Merkel, CSU-Chef Horst Seehofer und SPD-Chef Sigmar Gabriel sich dann darauf verständigten, einen gemeinsamen Kandidaten zu suchen, schien für die Union zunächst alles gut zu werden. Doch vor drei Wochen stieg Gabriel aus diesem Konsens aus und schlug einseitig Steinmeier vor. Dass es daraufhin noch zwei weitere Treffen im Kanzleramt gab, bei denen eine Einigung auf einen Konsenskandidaten nach wie vor nicht als ausgeschlossen galt, mag bei vielen in der Union die Erwartung geweckt haben, am Ende werde man um die Wahl von Steinmeier doch noch herumkommen.

Doch daraus wurde nun nichts. Nach der Absage von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) war ein Unionskandidat, der es dank seines politischen Gewichts in einer Kampfkandidatur mit Steinmeier hätte aufnehmen können, nicht in Sicht. Und für Gabriel gab es deswegen keinen Anlass, von seinem Kandidaten noch mal abzurücken.

Nur gemeinsam mit den Grünen hätte die Union die SPD noch ausbooten können. Doch das wollte die CSU nicht, wäre dies doch ein  schwarz-grünes Signal gewesen. Für Seehofer wird die heutige Blamage denn auch wesentlich einfacher zu verschmerzen sein als für Merkel: Kann er doch seinen Leuten vor Augen halten, dass es ihm mit seiner Zustimmung zu Steinmeier immerhin gelungen ist, den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) als Bundespräsidenten zu verhindern. Genüsslich führte Seehofer am Montag in seiner Pressekonferenz aus, dass er zwar Kretschmann als Ministerpräsident schätze, dieser es aber auf dem Parteitag der Grünen am Wochenende auch nicht vermocht habe, den – so Seehofer – Linksruck der "ideologischen Partei" aufzuhalten. Auch daher sei ein Grüner für die CSU unwählbar.