Wenn man zögert bei dem Gedanken, Frank-Walter Steinmeier könnte Bundespräsident werden, dann nur, weil Deutschland einen exzellenten Außenminister verlöre. Ansonsten spricht vieles für ihn.

Von Angela Merkel heißt es, sie suche nicht zum ersten Mal einen politisch versierten Kandidaten, der in weltpolitisch schwierigen Zeiten internationale Erfahrungen mit ins Amt bringe. Dies sei im Übrigen der eigentliche Grund dafür gewesen, dass sie sich einst so vehement gegen Joachim Gauck stemmte.

Wenn sie aber eine so klare Vorstellung vom politischen Profil des Kandidaten oder der Kandidatin hat, warum lässt sie es zu, dass sich die Suche nach einem neuen Bundespräsidenten wieder in parteitaktischem Klein-Klein verheddert?

Die Wahrheit ist, die Bundeskanzlerin hat keinen überzeugenden Anwärter für das Amt. Wolfgang Schäuble und Norbert Lammert wollen sich beide, heißt es, keiner Kampfabstimmung stellen. CDU und CSU, die in der Bundesversammlung rund 40 Prozent der Stimmen haben, glauben aber, Anspruch auf einen eigenen Kandidaten erheben zu müssen.

Sigmar Gabriel hat die Kanzlerin sichtlich in Schwierigkeiten gebracht, als er Steinmeiers Namen öffentlich nannte und damit die Absprache brach, mit der Union nach einem Konsenskandidaten zu suchen. Was immer er dabei im Schilde führte: Merkel sollte auf seinen taktischen Vorstoß nicht mit taktischer Abwehr reagieren.

Vielleicht wird so am Ende Steinmeier doch der gemeinsame Kandidat der großen Koalition. Denn auch aus Sicht der Union vertritt er Deutschlands Interessen in der Welt mit Erfolg, auch wenn mancher in CDU und CSU der Meinung ist, er gehe zu nachsichtig mit Russland um.

Vor allem aber: Wann, wenn nicht heute wünschte man sich ein Staatsoberhaupt mit weitem, möglichst mit weltweitem Horizont?

Europa ist in einem erbarmungswürdigen Zustand. Das Votum für den Brexit hat das Vertrauen der Europäer in die Zukunftsfähigkeit der EU zutiefst erschüttert. Schon in der Flüchtlingskrise hatte sich ein erschreckender Mangel an Solidarität gezeigt. Und der Graben zwischen Nord und Süd in der Währungs- und Wirtschaftspolitik wird nicht schmaler.

Die Vereinigten Staaten werden, selbst wenn Hillary Clinton siegt, lange brauchen, um diesen widerlichen Präsidentschaftswahlkampf hinter sich zu bringen. Die Wut der Globalisierungsverlierer wird mit dem Tag der Wahl nicht verschwinden.

Zwischen Russland und dem Westen ist es so eisig geworden, dass bereits von einem neuen Kalten Krieg die Rede ist. Nicht wenige Menschen haben regelrecht Kriegsangst.

Und wenn nicht Angst vor einem Krieg, so haben sie doch Angst vor dem Terror. Selbst wenn der "Islamische Staat" aus seinem "Kalifat" vertrieben werden sollte, werden wir – auch in Europa – mit weiteren blutigen Anschlägen rechnen müssen.

Dem Hass entgegentreten

In Syrien und im Jemen wird der Krieg noch lange wüten. Iran und Saudi-Arabien ringen um die regionale Hegemonie im Mittleren Osten. Die Autokratien von Ägypten bis Bahrain werden jeden neuen Ruf nach Demokratie mit Gewalt ersticken.

Schließlich sucht ein autoritär regiertes China in der vom Westen geprägten internationalen Ordnung selbstbewusst, fast herrisch seinen Platz.

An all diesen Themen hat sich Frank-Walter Steinmeier als Außenminister abgearbeitet. Er ist darüber der Politiker geworden, dem die Deutschen am meisten vertrauen. Das ist ein unschätzbares Kapital. Denn auch in unserem Land, das zu den Gewinnern der Globalisierung zählt, gibt es Abstiegsängste. Für Nationalismus, Populismus und Protektionismus sind die Deutschen genauso anfällig wie Amerikaner, Briten und Franzosen.

Wenn es da also einen gibt, der sich ein Bild von der Welt machen konnte, der sich dabei einen Blick für das Machbare bewahrt hat – nicht schlecht. Er passte gut in ein Amt, von dessen Inhaber man in den kommenden Jahren vor allem eines erwarten wird: Dass er dem Hass, der Angst und der Wut im Lande mit Ruhe und Vernunft entgegentritt.