Wenn Soldaten Feinde bekämpfen sollen, dann brauchen sie Gewehre und Helme. Und Funkgeräte. Gewehre und Helme hat die Bundeswehr noch genug. Doch schon in vier Jahren werden viele Funkgeräte der Truppe ausfallen. Denn die Geräte sind dann so alt, dass es keine Ersatzteile mehr für sie gibt. Sollten bis 2020 keine neuen Funkgeräte beschafft worden sein, könnte die gesamte Bundeswehr nach und nach verstummen. Dann wären ihre Soldaten im Einsatz großen, unnötigen Risiken ausgesetzt.

Doch der Ersatz wird nicht pünktlich eintreffen. Schon heute hinkt die Planung für neue Kommunikationstechnik um Jahre hinterher. Das lässt sich aus internen Unterlagen der Bundeswehr und des Bundestags ersehen, die ZEIT ONLINE und das sicherheitspolitische Blog Augen Geradeaus! ausgewertet haben.

Die Abgeordneten der Regierungskoalition haben deswegen gerade im Verteidigungsausschuss Alarm geschlagen – dezent aber deutlich. In einem gemeinsamen Antrag zu den Beratungen für den Bundeshaushalt 2017 fordern die Parlamentarier von Union und SPD, das Verteidigungsministerium möge prüfen, "wie das Vorhaben Mobile Taktische Kommunikation (MoTaKo) möglichst zeitnah beschafft werden kann".

Die Abkürzung MoTaKo beschreibt den Plan, für 25.000 Fahrzeuge und 50.000 Soldaten neue Funkgeräte zu entwickeln, zu bauen und anzuschaffen. Das Vorhaben ist für die Soldaten lebenswichtig. Ohne funktionierende Kommunikation kann kein General seine Truppen steuern, keine Einheit am Boden Luftunterstützung anfordern, kann kein Aufklärer seine Beobachtungen weitergeben. Ohne Funkgeräte sind Soldaten im Kampf blind, schlimmstenfalls laufen sie orientierungslos in die Mündungen ihrer Gegner oder in das Feuer der eigenen Geschütze.

In der Sprache der Bürokraten ausgedrückt klingt das so: Im Bereich "Führungsfähigkeit" bestehe "der insgesamt größte Handlungsbedarf". So ist es im Rüstungsbericht des Verteidigungsministeriums vom Oktober 2015 zu lesen, der alle laufenden Rüstungsprojekte analysiert. Ein internes Papier dazu formuliert militärisch knapp: "Soldat / Fahrzeug ohne Führungsmittel ist nicht einsatzfähig." Ohne MoTaKo, bedeutet das zugespitzt, müssten die Soldaten irgendwann mit ihren privaten Handys in den Krieg ziehen. Angesichts der aktuellen Bedrohungslage eine Katastrophe.

MoTaKo ist daher eines der größten Rüstungsprojekte des Verteidigungsministeriums. Langfristig sind dafür 5,5 Milliarden Euro vorgesehen. Doch diese Summe ist immer noch nicht konkret eingeplant. Das Vorhaben ist so riesig, dass es in sechs Einzelprojekte aufgeteilt ist. Trotz seiner Wichtigkeit finden sich die Einzelprojekte jedoch bislang nicht im Haushaltsentwurf 2017 wieder. Im Etat taucht nur eines der sechs Projekte auf und auch das erst in den Plänen für 2018.

Die Parlamentarier fürchten, dass es Probleme mit MoTaKo gibt. Sie fürchten sich zu Recht.

Für jede Funkverbindung ein eigenes Gerät

Schon jetzt ist die bestehende Technik so mangelhaft, dass die Bundeswehr sie lieber heute als morgen ersetzen würde. Selbst wenn die Geräte noch ein paar Jahre länger durchhalten, als bislang angenommen, hilft das den Soldaten nicht viel, die damit weltweit ihr Leben riskieren.

Beispiel Afghanistan: Wenn 2010, auf dem Höhepunkt des Einsatzes dort, ein Kompaniechef der Fallschirmjäger mit seiner Einheit das deutsche Feldlager in Kundus für eine Patrouille verlassen wollte, hatte er mehr Kommunikationselektronik als Waffen dabei. Um jederzeit mit seinen Soldaten und seinen Vorgesetzten reden zu können brauchte er: ein Kurzstreckenfunkgerät SEM 52SL für den Kontakt zu seiner Truppe. Zwei Tetrapol-Bündelfunkgeräte – eines, um den Bataillonsgefechtsstand zu erreichen, eines als Reserve. Dazu noch ein Tornisterfunkgerät SEM70, um größere Entfernungen zu überbrücken. In seinem Kommandofahrzeug waren außerdem digitale Funkgeräte vom Typ SEM 80/90 eingebaut, die neben Gesprächen auch Daten übertragen konnten, und ein Satellitenfunkgerät AN/PRC-117F, um das Nato-Regionalkommando erreichen und um Luft- oder Artillerieunterstützung bitten zu können. Vorsichtshalber hatten die Einheiten außerdem noch meistens zwei handelsübliche Satellitentelefone für die Langstreckenkommunikation mit – je eines für das Inmarsat- und für das Iridium-Netz.

Das wichtigste Gerät in diesem Arsenal aber, so erinnern sich Soldaten, war das zivile Handy mit einer GSM-Karte des afghanischen Mobilfunkanbieters Roshan. Nur damit ließ sich fast immer eine Verbindung herstellen. Die war zwar leicht abzuhören, doch war das immer noch besser, als komplett isoliert zu sein.

Doch mit einem Handy lassen sich keine Drohnenbilder empfangen, es lässt sich damit keine Artillerie steuern, es lassen sich keine verschlüsselten Daten entschlüsseln. Dafür hat die Bundeswehr bisher die vielen verschiedenen Gerätetypen. Die einen können den klassischen VHF-Truppenfunk verstehen, andere Satellitenkommunikation, wieder andere senden über Mobilfunknetze oder über das Hochfrequenzband. Viele von ihnen verstehen nur einen der vielen Kanäle, können keine Daten übertragen oder nicht verschlüsselt senden. Und die meisten verstehen sich nicht mit den Geräten anderer Nato-Armeen. MoTaKo soll all das ändern und eine einheitliche Infrastruktur schaffen, damit vom General im Stab bis zum Panzergrenadier im Wald alle verschlüsselt miteinander reden können.