Angela Merkel atmet noch einmal tief durch und wartet, zwei, drei Sekunden. Was sie sagt, ist spitz formuliert. Die Kanzlerin gratuliert Donald Trump höflich und schnörkellos. Die USA seien eine "alte und ehrwürdige Demokratie", sagt sie. Ohne zu forsch zu wirken, erinnert sie Trump an die Verantwortung, die ein Präsident dieses Landes auch für andere Länder habe. Deutschland und die USA seien durch Werte verbunden: "Demokratie, Freiheit, Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung."

Das ist ein Katalog, der nicht zu dem passt, was Trump bis gestern verkörpert hat. Merkel spricht den Widerspruch aber nicht aus. Stattdessen macht sie die genannten Werte selbstbewusst zu einer Forderung: "Auf Basis dieser Werte" biete sie Trump eine "enge Zusammenarbeit" an.

Während die ganze Welt, so kann man das wohl sagen, darauf wartet, was Trump nun tut, macht Merkel ihm Vorgaben. Sie versucht, einen Teil der Führung zu übernehmen, die üblicherweise dem US-Präsidenten zufällt, weil sein Land wie kein anderes über wirtschaftliche und militärische Macht verfügt. Trump aber hat im Wahlkampf nicht den Eindruck gemacht, dass er den Westen führen möchte. Er strebt wirtschaftliche Isolation und außenpolitische Rückzüge an. Die Bedeutung der deutschen Außenpolitik steigt dadurch enorm. Merkel scheint gewillt, diese neue Rolle anzunehmen.

Steinmeiers Botschaft ist weniger klar

Die Botschaft des Außenministers Frank-Walter Steinmeier (SPD) ist weniger klar. Er hoffe, "dass wir nicht vor größeren Verwerfungen in der internationalen Politik stehen". Amerika könnte geneigt sein, "häufiger allein zu entscheiden". Nichts werde einfacher, vieles schwieriger werden. Unlängst hatte er Trump noch einen "Hassprediger" genannt. Nun sagt er, Deutschland und Europa sollten "ein Hort der Vernunft bleiben". Trump gibt er mit auf den Weg, es werde nicht einfach sein, "Amerika wieder groß zu machen", womit er den Wahlkampfslogan Trumps aufgreift.

Die große Unsicherheit, die so viele an diesem Tag konstatieren, hat im Wesentlichen zwei Gründe. Die inhaltliche Seite: Wird Trump wirklich tun, was er im Wahlkampf angekündigt hat? Und wenn ja, was wird dann aus der Nato, aus dem Klimaschutz, dem Iran-Atomabkommen, den internationalen Handelsbeziehungen? Wie wird man künftig mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zurechtkommen, wenn der nun hoffen darf, im Weißen Haus einen Verbündeten zu haben?

Die andere Seite betrifft die Frage, mit wem man in den USA künftig eigentlich verhandeln wird, zu wem man Kontakte knüpfen, mit wem man Dinge voranbringen soll. "Wir kommen jetzt in eine Phase des Vakuums", sagt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Ähnlich beschreibt der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rolf Mützenich, das Problem: Diejenigen Republikaner, zu denen man bisher Kontakt gehabt habe, seien ja gerade die, die Trump "sehr früh von der Fahne gegangen sind".