ZEIT ONLINE: Haben Sie denen gestanden, dass Sie beim MfS waren?

Holm: Ja, habe ich. Das war eine viel höhere Hürde, als es später, 2007, öffentlich zu machen.

ZEIT ONLINE: Und wie war die Reaktion?

Holm: Die fanden das eigentlich ziemlich uninteressant. Ich hatte ja nichts beizutragen, was sie nicht schon wussten. Viel interessanter war, dass ich von meinem Vater Hans Holm erzählt habe. Denn mein Vater war ja einer der Stasioffiziere, der Heiner Müller zum IM erklärt hat, um ihn vor dem Zugriff anderer Stasieinheiten zu schützen.

ZEIT ONLINE: Sie waren nach der Grundausbildung Teil einer "Auswertungs- und Kontrollgruppe", da mussten Sie unter anderem IM-Berichte auswerten.

Holm: Ich habe vielleicht eine Woche lang Berichte gelesen, von Versammlungen, Betriebsratsgründungen oder Parteiversammlungen, auf denen die Stimmung eskaliert ist. Ich weiß nicht mehr, ob ich den Auftrag hatte, irgendetwas zu notieren. Später sollte ich DT64 hören, das DDR-Jugendradio und die dort angekündigten Ereignisse notieren. Und weil DT64 der Sender war, den ich auch zu Hause präferiert habe, war das für mich eine angenehme Aufgabe. Ich habe eigentlich vor allem die Auflösung dieser großen Institution erlebt. Wenn meine Erinnerungen heute merkwürdig vage klingen, wenn es um die konkreten Aufgaben geht, dann, weil es für mich keinen regulären Arbeitseinsatz gab. Ich musste Radio hören und bei Bereitschaftsdienst in irgendwelchen Räumen sitzen und bekam um 23 Uhr so etwas gesagt wie: "Die Montagsdemonstration in Leipzig ist jetzt zu Ende, ihr könnt nach Hause gehen."

ZEIT ONLINE: Sie haben erklärt, es sei Ihre "tiefste Überzeugung" gewesen, beim MfS nur eine Ausbildung gemacht zu haben – deshalb hätten Sie bei der Humboldt-Uni 2005 angegeben, nicht hauptamtlich beschäftigt zu sein. De facto waren Sie Offiziersschüler und haben 675 Mark Dienstbezüge bekommen, was ja eine Menge Geld gewesen ist für einen 18-Jährigen.

Holm: Ich war mir über meinen Status selbst nicht im Klaren. Dass ich ein höheres Gehalt hatte als viele andere, das wusste ich – ich wusste ja auch, dass ich keinen normalen Wehrdienst, sondern eine längerfristige Ausbildung machen sollte. Die Frage nach meinem formalen Status bei der Stasi hat für mich eigentlich keine Rolle gespielt. Und dieser Fragebogen kam 2005 in einer Situation, in der ich für etwa ein Jahr von einer Professorin eine Stelle angeboten bekommen habe – ich sollte mal schnell zur Personalabteilung rüber und die nötigen Formulare ausfüllen, damit wir schnell anfangen können. Das ging zack, zack. Was ich mir heute vorwerfen kann, ist mit Sicherheit, dass ich diese ganzen Formalien nicht besonders gründlich ausgefüllt habe.

ZEIT ONLINE: Unter dem Interview mit der taz von 2007 steht bei Ihnen: "Hauptamtlicher Mitarbeiter der Stasi". Jetzt sagen Sie, es sei Ihnen erst vor ein paar Wochen klar geworden, dass Sie hauptamtlicher Mitarbeiter waren …

Holm: Ehrlich gesagt, ich habe nicht geprüft, wie ich da beschrieben werde. Die Art und Weise, wie das, was ich in der DDR gemacht habe, klassifiziert wird, war für mich relativ nebensächlich. Wenn ich jetzt meine Stasiakte anschaue, dann entspricht das genau dem, was ich meinen Freunden Anfang der Neunziger erzählt habe und was 2007 im Interview stand.

ZEIT ONLINE: Haben Sie die Bedeutung Ihrer Stasimitarbeit unterschätzt?

Holm: Wenn ich das erwartet hätte, was die letzten zwei Wochen über mich und mittelbar über meine Familie eingebrochen ist, dann hätten ich es mir überlegt, den Job zu machen.

ZEIT ONLINE: War Ihre Stasivergangenheit Thema, als die Linkspartei Sie gefragt hat, ob Sie Staatssekretär werden wollen?

Holm: Ja, ich habe das gleich als Erstes gesagt. Und ich glaube, dass die auch relativ sorgfältig damit umgegangen sind. Sie haben sich auch außerhalb der Partei erkundigt, wie dieser Fall eingeschätzt werden kann. Die Rückmeldung nach einer Woche war: "Wir können das machen."

ZEIT ONLINE: Warum sind Sie nicht selbst auf die Idee gekommen, mal zu schauen, was in Ihrer Stasiakte steht, anstatt das anderen zu überlassen?

Holm: Ich wusste ja über meine eigene Geschichte relativ gut Bescheid – dass ich weder jemanden bespitzelt habe und wohl auch keine operative Akte habe, weil ich überwacht wurde.

ZEIT ONLINE: Eine Interviewpartnerin im damaligen taz-Gespräch sagte, die Stasi sei eine kriminelle Vereinigung gewesen. Würden Sie das unterschreiben?

Holm: Ja, sie war Teil eines Unrechtssystems und ein zentrales Instrument, um Leid über viele Leute zu bringen. Unabhängig davon, dass ich selbst zu kurz dabei war, um jemandem richtig zu schaden, ist das eine Verantwortung, die ich auch spüre. Ich wäre, wenn die DDR nicht zusammengebrochen wäre, mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit in die Situation gekommen, Teil von diesem Unterdrückungssystem zu werden. Ich verstehe also, wenn gerade die, die zu DDR-Zeiten verfolgt wurden, heute sagen: Über diese Personalie wollen wir reden. Aber ich habe das Gefühl, dass es zurzeit keine Diskussion ist, bei der sich ausschließlich Opfer der Staatssicherheit zu Wort melden.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich, dass es so ein großes Thema geworden ist?

Holm: Ein Politikwechsel, wie er in Berlin eingeleitet wird, zieht eine Menge Gegenwind auf sich. Dass man sich da nicht nur an Sachthemen hochzieht, ist für mich keine Überraschung. Wir stecken in einer polarisierten gesellschaftlichen Auseinandersetzung, wo es natürlich auch darum geht, politische Projekte zu verhindern oder durchsetzen zu wollen. Es fühlt sich sehr ungut an, selbst zum Spielball solcher Machtspiele zu werden.

ZEIT ONLINE: In einer Solidaritätserklärung von Wissenschaftlern, heißt es: "Diese Diskreditierungsversuche gegen seine Person müssen als der Versuch verstanden werden, eine Änderung der Stadt- und Wohnungspolitik zu unterbinden." Muss das so verstanden werden?

Holm: Ich will mich nicht über die Motive derer erheben, die Kritik an der Personalentscheidung haben. Aber das, was wir uns vorgenommen haben, ist tatsächlich ein deutlicher Richtungswechsel der Wohnungspolitik in Berlin. Wir haben eine ganz klare Priorisierung von sozialen Funktionen des Wohnens gegenüber privaten Profiten oder privaten Interessen.

ZEIT ONLINE: Der Stasivorwurf wird aus Ihrer Sicht instrumentalisiert, um einen Staatssekretär loszuwerden, der die Interessen der Immobilienwirtschaft berührt?

Holm: Das weiß ich nicht, da müsste man wissen, wer warum welche Vorwürfe erhebt und welche Motive sie haben.

ZEIT ONLINE: Sie sind 2007 für drei Wochen in Haft gekommen als angeblicher Unterstützer der linksradikalen "militanten gruppe". Der BGH hat den Haftbefehl später aufgehoben, das Verfahren wurde eingestellt. Hat das Ihr Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert?

Holm: Man hat mich eineinhalb Jahre lang überwacht und ins Gefängnis gesteckt – das war eine sehr unangenehme Geschichte, aber am Ende haben die Gerichte festgestellt, dass ein Großteil der Maßnahmen rechtswidrig gewesen ist. Da hat sich im Unterschied zur DDR die Überlegenheit eines rechtsstaatlichen Systems gezeigt. Hier ist es sogar möglich, dass Richter ihre eigenen Fehleinschätzungen korrigieren. Ich bin nicht blauäugig und denke, es gäbe hier keine Institutionen, die auch jenseits von Rechtsprinzipien agieren, aber im Großen und Ganzen funktioniert es ziemlich gut.