Was für ein Kontrast: Im Kanzleramt ranken sich Lichterketten ums Treppengeländer, geschmückte Tannen stehen an den großen Fenstern. "Das ist ein sehr schwerer Tag", sagt Angela Merkel. Sie sei "entsetzt, erschüttert und todtraurig".

Eigentlich hätte die Kanzlerin heute in ihrem Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern sein sollen, nun muss sie in Berlin Stellung nehmen zu dem bislang folgenschwersten Anschlag in ihrer Amtszeit. Ein Lkw ist vorsätzlich auf einem Berliner Weihnachtsmarkt gelenkt worden, 12 Menschen sind gestorben und 48 verletzt worden. "Das ist ein sehr schwerer Tag", sagt Merkel, als sie am Dienstagvormittag vor die Mikrofone tritt.

Es handele sich um eine "grausame und letztlich unbegreifliche Tat", fährt sie fort. Kaum eine Miene regt sich in ihrem grauen Gesicht während sie spricht. Der Ton, den sie anschlägt, ist leise, fast ein wenig verhalten. Deutlich ist ihr anzusehen, dass auch sie eine lange Nacht hinter sich hat.

Angela Merkel - "Wir müssen von terroristischem Anschlag ausgehen" Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin als grausame und unbegreifliche Tat bezeichnet. Die Tat werde bestraft werden, sagte Merkel. © Foto: Hannibal Hanschke / Reuters

Für Merkel ist es nicht das erste Mal, dass sie an dieser Stelle ihre Betroffenheit über einen Terroranschlag in Worte fassen muss. Vor einem Jahr sprach sie hier über die Anschläge in Paris, im Sommer dann über die von Nizza. "Dieser Angriff auf die Freiheit trifft uns alle", sagte sie damals.

Diesmal gilt das nicht mehr nur im übertragenen Sinne. Diesmal hat es wirklich Deutschland getroffen, die deutsche Hauptstadt, Menschen, die nur wenige Kilometer Luftlinie vom Kanzleramt entfernt ein bisschen Vorweihnachtsfreude genießen wollten.

War es ein Flüchtling?

Merkel weiß: Sollte sich herausstellen, dass der Täter ein Flüchtling war, der im vergangenen Jahr über die Balkanroute nach Deutschland kam, stünde ihre Flüchtlingspolitik erneut im Zentrum der Kritik. Am Mittag teilt die Berliner Polizei allerdings mit, sie sei nicht sicher, ob der festgenommene Tatverdächtige, ein Pakistaner, wirklich der Fahrer des Lastwagens sei.

 "Es wäre für uns alle schwer zu ertragen, wenn ein Mensch, der in Deutschland Schutz und Asyl gesucht hat, diese Tat begangen hätte", sagt Merkel. Das wäre aus ihrer Sicht widerwärtig gegenüber allen Helfern, die sich um die Integration von Flüchtlingen bemühten, aber auch gegenüber jenen Flüchtlingen, die tatsächlich Schutz bräuchten.

Wer von der Kanzlerin in diesem Moment die Ankündigung scharfer Konsequenzen erwartet, sieht sich getäuscht. Sie verspricht Aufklärung und kündigt an, der Täter werde "so hart bestraft, wie es unsere Gesetze vorsehen". Doch sie lässt auch ihre eigene Ratlosigkeit durchblicken: "Millionen, auch ich, fragen sich heute, wie wir damit leben können, dass beim unbeschwerten Bummel über den Weihnachtsmarkt ein Mörder den Tod bringen kann." Auch sie habe darauf keine Antwort, räumt sie ein. Aber: "Wir werden die Kraft finden, unser Leben in Deutschland so zu führen, wie wir es führen wollen, frei, miteinander und offen." Dann ist sie wieder weg. Fragen sind keine zugelassen.

"Merkels Tote"

Wird Merkel mit ihrem Werben um Besonnenheit durchdringen? "Es sind Merkels Tote", hatte der AfD-Landesvorsitzende von Nordrhein-Westfalen, Marcus Pretzell, kurz nach der Tat per Twitter erklärt und damit den Ton gesetzt, der die Debatte der kommenden Tagen zumindest am rechten äußeren Rand bestimmen wird.

Andere sind sichtlich bemüht, gegenzusteuern. "Auch Wut und Verzweiflung dürfen uns in diesen schweren Stunden nicht zu voreiligen Schuldzuweisungen und dem Ruf nach scheinbar einfachen Lösungen verleiten", mahnt Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU).  Die Schuldzuweisung der AfD dürfte eher dazu führen, dass die CDU neun Monate vor der Bundestagswahl die Reihen um ihre Kanzlerin schließt. "Geschmacklos" findet beispielsweise auch CDU-Innenpolitiker Armin Schuster die Äußerungen des AfD-Mannes, obwohl er selbst in der Vergangenheit immer wieder zu denen gehörte, die Merkels Flüchtlingspolitik kritisierten. Indem die AfD so argumentiere, mache sie sich zum Gehilfen des IS, weil sie zur Spaltung der Gesellschaft beitrage, sagt Schuster.

Auch Innenminister Thomas de Maizière (CDU) will an diesem Tag vor allem eine versöhnliche Botschaft aussenden: Viele Menschen hätten sich in Kurznachrichten beieinander erkundigt, ob es Freunden und Verwandten gut gehe.  "Ich wünsche mir ein solches Aufeinanderachtnehmen für den Umgang und das Zusammenleben in unserem Land", sagt de Maizière. Es sei nicht der Tag, um über politische Konsequenzen zu reden.