Ein als Kontaktmann des mutmaßlichen Terroristen Anis Amri verdächtigter Tunesier ist nach Angaben der Bundesanwaltschaft wieder auf freiem Fuß. Es handele sich nicht um die gesuchte Kontaktperson, deren Nummer in Amris Telefon gefunden wurde, sagte eine Sprecherin. Die Bundesanwaltschaft habe deshalb keinen Haftbefehl gegen den 40-Jährigen erwirkt. Ermittler hatten den Mann gestern in Berlin vorläufig festgenommen.

Die Sprecherin informierte über den Stand der Ermittlungen zu dem Anschlag in Berlin. Die Bundesanwaltschaft halte das Video, in dem der mutmaßliche Attentäter sich zur Terrormiliz "Islamischer Staat" bekennt, für authentisch. Amri sei den Ermittlungen zufolge darin tatsächlich zu sehen. 

Vier Tage nach dem Anschlag hatte das IS-Sprachrohr Amak ein Video veröffentlicht. Auf der knapp dreiminütigen Aufnahme schwört Amri dem Anführer der IS-Miliz, Abu Bakr al-Bagdadi, die Treue. Er richtet sich dabei an die "Kreuzzügler": "Wir kommen zu Euch, um Euch zu schlachten, Ihr Schweine." Es werde Rache für das Blut von Muslimen geben, das vergossen wurde.

Den Ermittlungen der Bundesanwaltschaft zufolge stimmen auch die Berichte, wonach der Attentäter auf seiner Terrorfahrt durch ein automatisches Bremssystem gestoppt worden ist. Er sei dadurch nach etwa 70 bis 80 Metern auf dem Breitscheidplatz zum Stehen gekommen, wodurch "noch schlimmere Folgen" ausgeblieben seien, sagte die Sprecherin.

Die Route des Sattelschleppers

Gleiches Kaliber im Lkw und in Italien

Zur Waffe des mutmaßlichen Attentäters gibt es ebenfalls neue Erkenntnisse: Die Waffe, mit der Amri auf einen italienischen Polizisten geschossen habe, habe ebenso das Kaliber .22 wie das Projektil, das in dem Lkw gefunden wurde. In dem Führerhaus war der polnische Lastwagenfahrer erschossen worden. Ob dies mit derselben Waffe geschah, werde derzeit noch ballistisch untersucht.

Bei dem Anschlag in Berlin war am 19. Dezember ein Attentäter mit einem gestohlenen Sattelzug auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gefahren und hatte zwölf Menschen getötet, unter ihnen den eigentlichen Lkw-Fahrer. Für die Tat verantwortlich gemacht wird der aus Tunesien stammende Anis Amri, dessen Ausweispapiere im Führerhaus des Lastwagen gefunden wurden. Amri wurde auf seiner Flucht vor den Behörden in Italien von Polizisten erschossen.  

Nach Angaben des italienischen Ministerpräsidenten Paolo Gentiloni gibt es derzeit keine Hinweise darauf, dass Amri über ein Unterstützernetzwerk in Italien verfügte. Die bisherigen Ermittlungen hätten so etwas nicht ergeben, sagte Gentiloni in Rom. Der Anti-Terror-Staatsanwalt Franco Roberti hatte dagegen in einem Interview mit der Zeitung La Repubblica gesagt, Italien sei "nicht nur ein Durchgangsland für Terroristen". Urheber von Massakern erhielten auch "logistische Unterstützung". Sie bekämen aus einem "kriminellen Milieu" falsche Papiere, Unterkünfte und Wohnungen.

Am Mittwoch hatte die italienische Polizei in dem Ort Aprilia südöstlich von Rom zwei Wohnungen durchsucht, in denen sich Amri vor einem Jahr aufgehalten haben soll. Bevor Amri 2015 nach Deutschland kam, hatte er in Italien gelebt. Dort verbüßte er eine vierjährige Haftstrafe.

Kritik an Informationspolitik der Behörden

Der mutmaßliche Attentäter  stand offenbar schon länger im Visier der Ermittlungsbehörden. Nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR wurde im Gemeinsamen Terrorismus-Abwehrzentrum in Berlin zwischen Februar und November 2016 mindestens sieben Mal über Amri gesprochen. Behördenunterlagen, die nur fünf Tage vor der Tat entstanden, würden seinen Werdegang in Deutschland beschreiben.  

Die deutschen Behörden ermittelten gegen Amri auch wegen unterschiedlicher Identitäten. Nach Angaben eines Sprechers der Staatsanwaltschaft Duisburg hatte die Behörde im April ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugs gegen den Tunesier eröffnet.

Zum Hergang der Tat, zur Fluchtroute und zur Identität der Opfer sind noch immer viele Fragen offen. Der Deutsche Journalisten-Verband kritisierte die Informationspolitik der Ermittlungsbehörden nach Ereignissen wie dem jüngsten Anschlag.