Joachim Gauck hat in seiner fünften Weihnachtsansprache als Bundespräsident zu Mitmenschlichkeit und Zusammenhalt aufgerufen. In seiner letzten solchen Rede als deutsches Staatsoberhaupt stellte Gauck die Folgen des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt ins Zentrum. Er warnte vor Vorurteilen und Hass. "Gerade in Zeiten terroristischer Attacken sollten wir die Gräben in unserer Gesellschaft nicht vertiefen, weder Gruppen pauschal zu Verdächtigen noch Politiker pauschal zu Schuldigen erklären", sagte er.

Angesichts des Terrors in Berlin sei das Land zusammengerückt, viele Menschen hätten in den Tagen seither ihr Ja zu einem friedlichen Miteinander bekräftigt. Der Bundespräsident betonte in diesem Zusammenhang auch, dass es eine "politische Auseinandersetzung" über die Flüchtlingspolitik geben müsse, "auch darüber, ob wir zukünftig noch mehr tun müssen, um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten". Er appellierte an alle, sich in der politischen Debatte respektvoll zu verhalten. "Wir sollten das Augenmaß bewahren und die Achtung vor dem politischen Gegner", sagte er.

Der frühere Pfarrer schlug in diesem Jahr ausdrücklich den Bogen von dem Anschlag in Berlin zur Weihnachtsbotschaft. "Wir sollten uns gerade in diesen Tagen besinnen auf das, was Weihnachten ausmacht und über die Christen hinaus Teil unserer Kultur geworden ist", sagte Gauck. Die Botschaft von der Liebe Gottes könne helfen, dass sich "Wut und Zorn in Kräfte verwandeln, die dem Hass, der Gewalt und der Verachtung des Anderen wehren".

"Dieses Land verdient das Vertrauen der Bürger"

Dies sei kein Wunschtraum, sondern vielfach schon Wirklichkeit, betonte Gauck und verwies unter anderem auf das Beispiel von Berlinern, die bei dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Montagabend trotz der Gefahr für sie selbst sterbenden und verletzten Menschen geholfen hätten. Bei dem Attentat waren zwölf Menschen getötet worden, über 40 wurden teilweise schwer verletzt.

Gauck dankte ausdrücklich den vielen Bürgern in Deutschland, die entweder in ihren Berufen oder in ihrer Freizeit die Verlässlichkeit des Staates stärkten. "Dieses Land verdient das Vertrauen seiner Bürger", sagte Gauck und fügte hinzu: "Auch gegenwärtig, da es mit ungelösten Problemen ringt."

Die Ansprache Gaucks war am späten Donnerstagnachmittag aufgezeichnet worden, und damit vor dem Tod des mutmaßlichen Attentäters in Italien. Wie auch in seinen früheren Weihnachtsansprachen ging Gauck stark auf die aktuellen Entwicklungen ein. In den vergangenen Jahren hatte er sich mehrfach dem Umgang mit der Flüchtlingskrise gewidmet. Die Rede wird am Abend des ersten Weihnachtstags von ARD und ZDF ausgestrahlt.