Ja, es gibt sie auf diesem Parteitag, die Merkel-Kritiker in der CDU. Da ist zum Beispiel Eugen Abler aus dem Kreisverband Ravensburg in Baden-Württemberg. "Sie haben die CDU in die Mitte gerückt", wirft er der Kanzlerin vor. Damit habe sie die AfD stark gemacht. "Früher konnte man sich noch darauf verlassen, dass da wo CDU drauf steht auch CDU drin ist", kritisiert er. Dies sei nun nicht mehr der Fall. Mit Merkel gewinne man links wenig und verliere rechts viel.

Doch CDU-Delegierte wie Eugen Adler sind zumindest am Rednerpult die Ausnahme. Stattdessen dominiert in der Aussprache über Merkels knapp anderthalbstündige Rede die Zustimmung. Selbst der Chef der Mittelstandsvereinigung, Carsten Linnemann, der sonst über das mangelnde Profil der Union klagt, bedankt sich bei Merkel für ihr klares Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft. Voll des Lobs ist auch der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, der hier seinen Chef vertritt. Merkel habe für Klarheit gesorgt und die Delegierten mitgenommen, sagt er. Merkel und Seehofer hatten in diesem Jahr darauf verzichtet, sich gegenseitig auf ihren Parteitagen zu besuchen – zu groß waren Differenzen in der Flüchtlingspolitik.

Tatsächlich hat Merkel sich in ihrer Rede erkennbar Mühe gegeben, auf ihre Kritiker zuzugehen. Ganze zwei Minuten braucht die Kanzlerin, um zu jenem Satz zu kommen, der als zentrale Botschaft von diesem Parteitag ausgehen soll: Eine Situation wie 2015 dürfte sich nicht wiederholen. Doch dann lenkt Merkel den Blick schnell in die Zukunft. "Die Welt ist aus den Fugen", sagt sie. Und zählt auf, was alles schief läuft: Der syrische Bürgerkrieg und die Unterstützung des russischen Präsidenten Wladimir Putin für den syrischen Machthaber Assad. Der Widerstand gegen internationale Freihandelsabkommen, die mangelnde Entwicklungshilfe für Afrika, die immer noch nicht vollzogene Regulierung der Finanzmärkte, die Gefährdung der Nato und natürlich die europäische Misere.

Früher, zitiert Merkel sich selbst, habe sie in diesem Zusammenhang immer gesagt, man werde aus der Krise stärker hervorkommen als man hineingegangen sei. Nun sei ihr Ziel, dass Europa aus dieser Krise nicht schwächer herausgehen werde. "Das mutet bescheiden an, ist es aber nicht." Diesen Herausforderungen setzt sie dann die Erfolge der CDU in Deutschland gegenüber: ein Bundeshaushalt ohne Schulden, keine Steuererhöhungen, die halbierte Arbeitslosigkeit, die fast verdoppelten Ausgaben für Forschung und Bildung. Und sie erinnert die Partei an ihre Werte: Das christliche Menschenbild, die soziale Marktwirtschaft, Familie.

Doch die Kanzlerin geht auch auf die Konservativen in der Partei zu: "Vollverschleierung lehnen wir ab", sagt sie und erntet damit nach 46 Minuten zum ersten Mal so etwas wie Jubel. Und natürlich kommt sie auch noch einmal darauf zu sprechen, dass alle die kein Bleiberecht haben, das Land wieder verlassen müssten. Erst tags zuvor hatte der Parteivorstand nochmals ein härteres Vorgehen bei Abschiebungen in den Leitantrag aufgenommen.

Am stärksten berührt Merkel ihre Zuhörer aber, als sie schließlich auf ihre erneute Kandidatur zu sprechen kommt. Viele hätten ihr gesagt, "Du musst, du musst, du musst" berichtet sie. Und setzt trocken hinzu: "Wäre ja auch nicht schön, wenn es anders gewesen wäre". Doch daraus folge nun auch "Ihr müsst, ihr müsst, ihr müsst mir helfen".

Und sie ringt sich sogar zu einer Entschuldigung durch. "Ich weiß, ich habe euch einiges zugemutet", sagt sie. Dass das besser werde, könne sie allerdings nicht versprechen. Schließlich sei es die Welt mit all ihren Konflikten, von der diese Zumutungen ausgingen.