Fake News unter Kontrolle – Seite 1

Jestin Coler hatte sich offensichtlich kaum Mühe gegeben, seine Identität zu verbergen. Von einem Vorort von Los Angeles aus hatte er erfundene Nachrichten in die Welt gesetzt, auf Webseiten ohne Impressum. Doch er hatte dabei Spuren hinterlassen, die auf öffentlich verfügbare Internetprofile führten, inklusive echtem Namen und echter privater Adresse. Kürzlich klingelte eine Radioreporterin an Colers Tür. Er wollte zuerst nicht reden und tat es dann doch. Coler erzählte, wie er seine ersten Fake News schrieb und sie sich praktisch von alleine über das Internet verbreiteten. Er hatte zum Beispiel geschrieben, dass Menschen in Colorado von ihren Lebensmittelgutscheinen Marihuana kaufen würden, was schließlich dazu führte, dass ein Abgeordneter ein Gesetz gegen diesen angeblichen Missbrauch forderte.

Coler dachte sich immer neue Geschichten aus und schuf immer neue Lügen-Webseiten, die darauf angelegt sind, über Werbung Geld einzuspielen. Er beschäftige mittlerweile zwischen 20 und 25 Leute, die für ihn Geschichten schrieben, sagte Coler dem Sender NPR. Manche ihrer Lügen verbreiteten sich während des Wahlkampfes in den Facebook-Gruppen von Trump-Unterstützern. Die Nachricht, ein mit Hillary Clintons E-Mail-Skandal befasster FBI-Ermittler habe Selbstmord begangen, wurde über eine halbe Million Mal geteilt. Coler versuchte auch, Fakes über Donald Trump zu verbreiten, aber das funktionierte nicht so gut.

Coler ist nicht der einzige, der dieses Geschäftsmodell entdeckt hat. Von Mazedonien aus agierten ein paar junge Nerds mit ähnlichen Methoden. Wahrscheinlich wollten sie gar nicht in den Wahlkampf eingreifen, sondern nur Geld machen.

Es gibt aber auch Gruppen, deren Ziel nicht Profit ist, sondern den politischen Gegner zu diskreditieren. Sie stacheln Trolle auf oder programmieren gleich selbst die Bots, die in der Masse wie ein aufgebrachtes Volk wirken sollen.

Diese Armeen der Unwahrheit sind auch ein deutsches Problem. Eine unüberschaubare Anzahl an Pseudo-Medien, verschwörungstheoretischen Blogs und rechtsradikalen Facebook-Seiten voller Lügen gibt es in Deutschland. Über alle diese Kanäle besteht die Möglichkeit, aus dem Ausland Einfluss zu nehmen. Das zeigten die von Moskau aus gesteuerten Trolle um Umfeld der Krim-Annexion ebenso wie die Lügen-Geschichten, die russische Auslandsmedien in Deutschland verbreiteten

In Deutschland meinen viele, die Medienlandschaft sei gefestigter als in den USA. Aber wer Angela Merkel als die neue Führerin der freien Welt feiert, kann auch darauf kommen, was wohl das nächste Hauptziel russischer Propaganda sein dürfte.

Strategien gegen Fake News

In den USA wie in Deutschland wird nun diskutiert, wie man der Fake News Herr werden kann. Manche Antworten sind neu, andere gibt es schon seit 60 Jahren.

Die neueste Idee ist ein simpel wirkendes Programm: Die (derzeit leider nicht verfügbare) Browsererweiterung FiB prüft alles, was man bei Facebook sieht, und bewertet diese Inhalte nach ihrer Vertrauenswürdigkeit. Dann markiert sie die Posts entsprechend. Wenn etwas als Fake identifiziert wird, "versucht die App, die Wahrheit zu finden und zeigt sie dem Nutzer an". So schreibt es das Entwicklerteam mit einem Technikoptimismus, wie ihn nur Programmierer haben können.

Doch was ist diese Wahrheit? Im Roman 1984 von George Orwell wird sie von der Regierung definiert, vom Ministry of Truth. Es sorgt dafür, dass alles, was veröffentlicht wird, den Ansichten der Staatsführung entspricht. In der Debatte um Fake News wird Orwell immer wieder zitiert. Wenn jemand die Macht hat, das Wahre vom Unwahren zu trennen, dann hat er auch die Macht, diese Begriffe zu definieren. Die App FiB bedient sich dabei unterschiedlicher Quellen, unter anderem der Algorithmen von Twitter und Google. Die Ministerien der Wahrheit könnten künftig in weltweit agierenden Konzernen angesiedelt sein.

In der Debatte wird gefordert, Facebook selbst müsse sich seiner Verantwortung stellen, journalistischer werden und Fake News aussortieren. Manche Nachrichten verbreitenden Unternehmen haben sich genau dafür entschieden. Snapchat zum Beispiel, das in den USA mehr aktive Nutzer hat als Twitter. Oder der Nachrichten-Aggregator Apple News. Beide arbeiten nur mit handverlesenen Nachrichten-Anbietern zusammen.

Ein Gütesiegel für Medien

Facebook ist in seinem Bereich aber ein Monopolist und setzt gleichzeitig darauf, dass jeder Inhalte verbreiten kann. Schränkt Facebook diese Möglichkeiten ein, handelt es sich den Vorwurf der Zensur ein.

Diskutiert wird nun, wie man den Nutzern zumindest helfen kann, verlässliche Informationen zu finden und nicht auf Lügen hereinzufallen. Die Idee der FiB-Macher geht in die richtige Richtung: Es braucht ein Signal, an dem man sich orientieren kann.

Vorschläge dazu kommen zum Beispiel vom Trust Project, für das sich vor allem US-Medien und -Institutionen zusammengetan haben, an dem aber auch ZEIT ONLINE beteiligt ist. Ziel ist es nicht, erfundene Nachrichten auszusortieren, sondern beispielsweise Suchmaschinen zu vermitteln, welche Inhalte vertrauenswürdig sind. Vorstellbar wären Signale, dass der Autor eines Textes Erfahrung mit dem Thema hat, dass er keine Interessenkonflikte mitbringt, dass der Text von einem erfahrenen Redakteur redigiert wurde oder dass das Medium seine Fehler transparent korrigiert.

Ein mögliches Ergebnis könnte eine Art Gütesiegel für Medien, Autoren oder Texte sein, die besonders vertrauenswürdig sind. Dieses Siegel ließe sich dann auch in Facebook einbauen, ähnlich der FiB-App. Bislang hat allerdings auch das Trust Project noch nicht definiert, wer ein solches System schaffen und überwachen könnte.

Der Presserat funktioniert, weil es Konkurrenz gibt

In Deutschland gibt es Institutionen, die als Vorbild dienen könnten, weil sie zumindest in der klassischen Medienwelt gut funktionieren. Die wichtigste unter ihnen in der Deutsche Presserat. In ihm sind die Presseverlage und die Journalistengewerkschaften zusammengeschlossen. Die Medien konkurrieren um Leser, Anzeigenkunden und gute Geschichten – und als Konkurrenten haben sie alle ein Interesse daran, den anderen zu kontrollieren.

Diese Kontrolle funktioniert, weil sich die Zeitungsverlage und -redaktionen im Presserat selbst dazu verpflichten, die gemeinsam ausgehandelten Standards zu beachten. Verstoßen sie dagegen, kann der Presserat eine Rüge aussprechen und sie dazu auffordern, diese Rüge abzudrucken. Obwohl der Presserat keine Sanktionen verhängt, wird seinen Anordnungen fast immer Folge geleistet.

Der Presserat sieht sich selbst bislang nicht in der Rolle, Fake News von Medien zu bekämpfen, sie sich ihm nicht angeschlossen haben.

Die Landesmedienanstalten würden Facebook gern kontrollieren

Doch es gibt in Deutschland auch Institutionen, die sich die Vorarbeit des Presserates zunutze machen: die Landesmedienanstalten, die Radio- und Fernsehsender beaufsichtigen. Verstößt einer der Sender gegen die vom Presserat definierten Regeln, können die Medienanstalten Bußgeld verhängen oder im Extremfall Sendelizenzen entziehen. Die Medienanstalten sind staatsfern organisiert: Zwar wird ein Teil der Aufsichtsgremien von den Landtagen benannt, aber die Politiker sind nicht weisungsbefugt.

Anders als der Presserat beschäftigen sich die Medienanstalten mit der Frage, welche Rolle sie bei der Regulierung von Plattformen wie Facebook spielen können. Ziel sollte es sein, dass die Nutzer verstehen, wie zum Beispiel Facebook funktioniert, und so frei entscheiden können, ob und welche Funktionen und Dienste sie nutzen, heißt es in einem Positionspapier vom April dieses Jahres. Daher sei es sinnvoll, "Transparenz, Nutzerautonomie und Kennzeichnung regulatorisch vorzugeben und zu überprüfen". Keinen Zweifel lassen die Medienanstalten daran, dass sie selbst am besten geeignet wären, die Aufgabe zu übernehmen.

Zwei Varianten wären vorstellbar: Erstens könnte man alle online agierenden Medien, die nicht dem Presserat unterstehen, der Kontrolle der Medienanstalten unterwerfen. Problematisch wird das, wenn Server im Ausland betrieben werden und die Betreiber von Seiten nicht ausfindig gemacht werden können.

Zweitens könnte man Soziale Netzwerke mit Niederlassungen in der EU – also auch Facebook – darauf verpflichten, grob falsche Meldungen auszusortieren und sie anderenfalls selbst zu Rechenschaft ziehen. Die Gefahr dabei wäre, dass Facebook in vorauseilendem Gehorsam zu viele Meldungen aussortiert – weil die Bestimmung von wahr und falsch manchmal komplex ist.