Fast eine halbe Million Opfer, ein zerrüttetes Land, ein immer wieder triumphierender Diktator: Was als friedlicher Protest begann, endete in einem Konflikt mit einer fragmentierten Interessenlage der Milizen und ihrer ausländischen Unterstützer, der Militärkräfte und der internationalen Akteure, den auch die Friedensverhandlungen in Genf nicht auflösen konnten. Angesichts der Bilder aus Aleppo stellt sich vielen die Frage, was hätte besser gemacht werden können und wie es weitergehen soll. International herrscht Abwarten, wie sich vor allem die künftige US-Regierung positioniert. Deutsche Politiker analysieren die Lage teilweise unterschiedlich. Die wichtigsten Fragen:

Hätte der Westen stärker eingreifen sollen in den Konflikt zwischen Regimekräften und ihren Gegnern?

Der Westen hat Fehler begangen und sich Fehleinschätzungen geleistet, da sind sich deutsche Außenpolitiker einig. Schon vor Jahren gingen nicht wenige Akteure davon aus, die Endphase des Regimes sei eingeleitet. Dank vor allem russischer und iranischer Unterstützung konnte sich Assad nicht nur halten, sondern entscheidende militärische Gewinne erzielen. Als der Konflikt spätestens nach 2012 zum Krieg wurde, sei es falsch gewesen, glauben die Außenpolitiker, keine Flugverbotszone einzurichten und durchzusetzen – auch gegen das Regime und Russland. "Man hätte Schlimmeres verhindern können", sagt der frühere CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz, heute Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde. Auch sein CDU-Nachfolger im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages, Norbert Röttgen, beklagt, der Westen habe zu keiner gemeinsamen Politik gefunden. Für den SPD-Obmann im Ausschuss, Niels Annen, zeigen die Bilder aus Aleppo das "schreckliche Versagen der Weltgemeinschaft" in Syrien. "Es gab einen Moment, in dem der Westen hätte eingreifen können: als Assad begann, die Luftwaffe einzusetzen." Und der Linken-Außenexperte Stefan Liebich bemängelt, die Suche nach einer politischen Lösung habe zu spät begonnen – nämlich erst, als Russland militärisch in Syrien eingriff.

Wie soll die Weltgemeinschaft mit den Kriegsverbrechen in Syrien umgehen?

Die Aufklärung der Kriegsverbrechen und anderer Verstöße gestaltet sich schwierig, denn alles hängt an den Vereinten Nationen. Dem Statut des Internationalen Strafgerichtshofs sind beispielsweise Russland und Syrien nie beigetreten, der UN-Sicherheitsrat müsste Ermittlungen zur Vorbereitung einer Anklage fordern. Die Blockade Russlands wäre gewiss. Daran scheitert auch ein wirksames Vorgehen im Fall derjenigen Giftgaseinsätze, die sich belegen und zuordnen lassen. Der Linke Liebich sagt, für Kriegsverbrechen durch die verschiedenen Beteiligten in Syrien gebe es viele Indizien, die eine unabhängige Stelle bewerten müsse. Für den Christdemokraten Polenz ist die Sache klarer: "Die russische Luftwaffe verfügt über sehr präzise Lenkwaffen. Wenn da Krankenhäuser getroffen werden, muss man von Absicht sprechen." Die Kriegsführung habe sich in Syrien zunehmend brutalisiert. Annen führt die verheerenden Fassbomben an und die bunkerbrechenden Waffen, die Assads Truppen auch in Wohnvierteln eingesetzt hätten. Zur juristischen Aufarbeitung spricht er sich für ein internationales Tribunal wie nach dem Jugoslawien-Krieg aus – auch das liefe über die UN.

Sind neue Sanktionen sinnvoll, vor allem auch gegen Russland?

"Die Sanktionspolitik hat in den vergangenen Jahren Russland in keiner Weise in eine bestimmte Richtung bewegt", sagt Liebich. Er hofft auf neue Verhandlungen in Genf. "Man muss sich verständigen, was man mit diesem Land will." Dazu gehöre ein Abgleich der Interessen mit den weiteren Beteiligten, neben Syrien die USA, der Iran, Saudi-Arabien, die Türkei und die Kurden. Auch Annen will dafür die Genfer Gespräche schnellstmöglich fortsetzen. Die neuen Sanktionsforderungen sind für ihn "emotional verständlich, aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt politisch unklug", weil Gespräche nur durch politische Überzeugungskraft zustande kämen, nicht durch Strafen. Russland sei durch Strafmaßnahmen nicht an den Verhandlungstisch zurückzubekommen: "Sanktionen kaschieren nur die eigene Hilflosigkeit." Auch Polenz sieht Sanktionen zunächst als "Mittel der politischen Kommunikation", weniger als wirksame Disziplinarmaßnahme. Er will mit Russland zusammenarbeiten, "wenn es der Sache dient" – etwa im Kampf gegen den "Islamischen Staat". Syrien zu befrieden und zu einen, könne 30 bis 40 Jahre dauern, prophezeit er.

Wie geht es weiter, wenn der Machtwechsel in Washington vollzogen ist?

Das will im Moment keiner näher voraussagen. "Wir schauen in eine Glaskugel", sagt Liebich. Denkbar sei, dass der designierte US-Außenminister Rex Tillerson – bisher Chef des Energieriesen ExxonMobil – wegen wirtschaftlicher Interessen eine russlandnahe Außenpolitik macht. "Mir ist Putin genauso fern wie Trump", sagt der Linken-Realpolitiker. "Dennoch ist sinnvoll, dass beide zu einem guten Verhältnis finden." Liebich plädiert dafür, in neuen Bündnissen zu denken. "Wir müssen Gemeinsamkeiten finden auch mit Staaten, die nicht so demokratisch sind, etwa mit China. Beim Kampf gegen den IS haben alle gemeinsame Interessen." Annen wagt keine Prognose. Er vermutet lediglich, "dass es eine Ernüchterung geben wird in Washington über das, was Putin den USA anbieten kann". Auch für Polenz ist das Westbündnis alten Zuschnitts Geschichte. Trump hält er für unberechenbar, weil er nicht anders könne. "Das macht den Umgang mit ihm gefährlich." Für Putin sei Unberechenbarkeit wiederum ein strategisches Mittel, um Aufmerksamkeit zu bekommen. "Wenn zwei Unberechenbare agieren, gibt es keine Konstante." Eine in sich verheerende Antwort, weil nahezu alles möglich ist. "So schlecht dran waren wir lange nicht mehr", sagt Polenz.