Mit einer unglaublichen und wohltuenden Besonnenheit haben die meisten verantwortlichen Politiker auf den Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz reagiert. Ob Kanzlerin Angela Merkel, Berlins Bürgermeisters Michael Müller oder Bundesinnenminister Thomas de Maizière: "Das Ergebnis zählt, nicht die Spekulation." Sie alle blieben ebenso cool wie die meisten Berliner: Wir lassen uns nicht spalten. Der Hass darf nicht gewinnen. Vor einem Urteil sollten wir erst einmal abwarten, was die Ermittlungen bringen.

Es war eine überraschend ruhige Reaktion auf einen schrecklichen Anschlag, in großen Teilen der Politik, der Medien und der Öffentlichkeit. Fast scheint es so, als sei in diesem von so vielen schrecklichen Anschlägen und Ereignissen geprägten Jahr die Hysterie verbraucht. Vielleicht ist es auch Gewöhnung, vielleicht aber auch einfach die Überzeugung, damit richtig zu handeln.

Auf der anderen Seite gibt es in unserer Gesellschaft noch die Wünsche der anderen. Sie schüren die Unruhe, von der sie profitieren. Sie wollen, dass die Tat etwas auslöst und kaputt macht in Deutschland; dass der Schock möglichst tief und weit greifen möge; dass daraus Wut und Konsequenzen erwachsen; dass mit der Festnahme des Täters nicht genug getan ist. Es sind die Sehnsüchte der rechten Populisten

Diesen Marktschreiern der Angst reichen schon kleinste Bausteine, die in ihr Weltbild passen, um ihre Gewissheiten in die Welt zu brüllen. Zeugen haben einen dunkelhäutigen Mann gesehen? Der Täter könnte ein Flüchtling sein? Ein "Allahu Akbar" wurde vielleicht gerufen? Merkel ist schuld! Islamist! Obergrenze! Zuwanderung stoppen! Ob nach Paris, Nizza, München oder Berlin: Es ist die immer gleiche Begleitmusik des Angstmachens und der Hybris. Vorgetragen wahlweise von Solisten der AfD oder der CSU, die sich vor allem in Tonart und Lautstärke unterscheiden, weniger in ihrer seit Monaten selben Botschaft: Merkels Flüchtlingspolitik ist am Ende, denn sie hat den Terror über und unter uns gebracht. 

In den unübersichtlichen ersten Stunden und Tagen nach einem Anschlag oder terroristischen Amoklauf, wie jetzt nach Berlin, in denen so wenige Erkenntnisse gesichert und so vieles noch unklar ist, schlägt die Stunde der einfachen Antworten und schnellen Gewissheiten. Und könnten sie am Ende nicht recht behalten, die Seehofers, Gaulands, Scheuers oder Pretzells dieser Welt? Was, wenn es wirklich ein Flüchtling war, der den Laster in den Weihnachtsmarkt lenkte?

Natürlich könnte das sein. Das ist die Falle der Populisten: Sie kennen die Antworten schon, bevor jemand die Frage gestellt hat. Und wenn sich ihre Annahme als richtig erweist, können sie sich hinstellen und sagen: Siehste, habe ich doch gesagt – der Flüchtling ist schuld (und Merkel).

Dass sich ihre Unterstellungen wie in München (Amoklauf) oder Nizza (Extremist aus dem eigenen Land) als nicht ganz richtig erweisen, ficht sie einfach nicht an. Ebenso wenig, dass auch Merkel und alle anderen kritisierten "Altparteien" gar nicht ausschließen, dass der Täter ein Flüchtling sein könnte.

Die rechten Populisten versuchen, die Zurückhaltung mit schnellen Urteilen auszunutzen. Wer zögert, ist schwach, lautet ihre Botschaft. Dass sie bei einigen Menschen verfängt, zeigen die Wahlergebnisse und Umfragen. Denn wer "nur" etwas nicht ausschließt, legt sich nicht fest und fordert nicht sofort Konsequenzen. Das kann, wenn Tat und Täter aufgeklärt sind, im Nachhinein als zu zögerlich empfunden werden. Doch Zögern und Zweifeln gehören zu den Grundlagen unseres Rechtsstaats. Sie schützen vor Willkür. Zu Recht, wie die Festnahme eines ersten, wohl unbeteiligten Verdächtigen gezeigt hat.

Und besonnen zu bleiben, bedeutet ja nicht, nichts zu tun. Polizisten und Staatsanwälte zeigen das gerade mit ihren Ermittlungen. Erst wenn sie Ergebnisse haben, lässt sich angemessen und sinnvoll über mögliche Konsequenzen, auch in der Flüchtlingspolitik, diskutieren.

Berlin - "Euer Hass ist unser Ansporn" Am zweiten Abend nach dem Terroranschlag demonstrierten in Berlin linke und rechte Gruppierungen. Dabei kam es auch zu unangekündigten Aktionen Rechtsextremer. © Foto: ZEIT ONLINE