Da steht er also, der Mann von der Berliner AfD, auf der Bühne von Pegida in Dresden und ruft in den sächsischen Regen hinein. Die Brille sitzt tief auf der Nase, den Lodenmantel hat er bis oben hin zugeknöpft, den roten Schlips fest verschnürt. "Im Herbst ziehen wir in den Deutschen Bundestag ein", verkündet Andreas Wild selbstsicher und das Publikum bestätigt ihn mit einem lauten "Jawoll" und energischem Applaus.

Es ist Ende vergangenen Jahres, als der Berliner AfD-Politiker die Menge auf dem Dresdner Theaterplatz auf die gemeinsame bundesweite Sache einstimmen will, schließlich ist die AfD für Wild die "Pegida-Partei", wie er selbst sagt. Und beide sind Teil ein und derselben Bewegung, die Deutschland in eine "Zeitenwende" führen soll.

Andreas Wild stammt ursprünglich vom Bodensee und lebt heute im Berliner Stadtteil Steglitz-Zehlendorf. Wie viele in der AfD hat er ein großes Ziel im Herbst 2017: einen Sitz im Deutschen Bundestag. Dafür wagt er sich aus seinem gut betuchten Bezirk schon mal an einen Ort, der seit Jahren als Problemkiez Berlins beschrieben wird: Neukölln. Für Wild ist dieser Stadtteil so etwas wie ein politischer Spielplatz, um es auf die ganz große Bühne schaffen. "Wo es am Dreckigsten ist, macht es am meisten Spaß auszumisten", sagt er. Bei einem Spaziergang über die Neuköllner Sonnenallee, vorbei an Handyshops und Dönerimbissen, lacht Wild bei solchen Sätzen laut auf.

Wild will "zuverlässige Leute bewaffnen"

Wild hatte hier bislang Erfolg. Vor Kurzem setzte er sich gegen interne Konkurrenten aus der Partei durch und gewann in einer Kampfabstimmung das AfD-Direktmandat für die Bundestagswahl. Große Chancen auf einen direkten Einzug ins Parlament hat der Rechtsaußen dadurch zwar nicht, aber er könnte es über die AfD-Liste schaffen. Wichtig aber ist für Wild und die AfD vor allem: Neukölln als Symbolort besetzen, um die angebliche Notwendigkeit einer politische Wende zu unterstreichen. Dafür tritt der 53-jährige Familienvater und private Arbeitsvermittler zwar bürgerlich auf, über seine Radikalität hinwegtäuschen kann das aber nicht.

Neukölln und seine rund 330.000 Einwohner bieten eine Vielzahl von Wahlkampfthemen, die gut in das rechtspopulistische Konzept der AfD passen: 42 Prozent der Menschen hier haben einen Migrationshintergrund, viele davon sind muslimischen Glaubens. Wild spricht von ihnen als "Muselmännern" und "Kopftuchfrauen". Sie müssten bei anhaltendem Erfolg seiner Partei "Angst haben", sofern sie sich nicht auf die Weise assimilieren wollten, die der AfD vorschwebt.

Auch die größte Berliner Unterkunft für Flüchtlinge liegt in Neukölln, dabei würde Wild diese Menschen am liebsten in "Lagern aus Bauholz" in "entlegenen Gegenden" untergebracht wissen. Rumänische Roma will er am liebsten auf eine "griechische Insel" verbannen, damit "sie sich selbst beklauen". Für den Kampf gegen arabische Großfamilien, die hier für ein Anwachsen der Kriminalität mit verantwortlich seien, will Wild "zuverlässige Leute bewaffnen". 

Wild ist der Meinung, "dass wir in Neukölln wieder eine deutsche Bevölkerung haben müssen". Das ist sein politisches Ziel und wie er wollen viele in der AfD es auf das ganze Land angewandt wissen. "Die praktische Umvolkung, die stattgefunden hat, müssen wir wieder in eine andere Richtung lenken. Es geht nicht um Normalisierung, sondern um eine Rückveränderung." Wild will Neukölln den Deutschen zurückgeben. Und deutsch sei, "wer deutsche Eltern hat".

"So was wie dich brauchen wir hier nicht"

Pinar Cetin ist in seinen Augen keine Deutsche. Die junge Mutter ist in Berlin geboren, hat hier studiert, ihre eigene Mutter kam als 14-Jährige aus der Türkei nach Deutschland. Pinar Cetin trägt Kopftuch. Ihre Sprache klingt akzentfrei nach Berlin, als würde sie von Nora Tschirner oder Marianne Rosenberg stammen. Sie ist Sozialarbeiterin in der Neuköllner Şehitlik-Moschee. Und sie hat Angst. Vor Menschen wie Andreas Wild, die selbst nicht aus Berlin, sondern aus der südwestdeutschen Provinz in die Hauptstadt kamen. Sie sagt, dass sie immer wieder angefeindet werde, seitdem die AfD mehr Zuspruch erfahre. "'So was wie dich brauchen wir hier nicht', habe ich letztens erst wieder gehört", sagt Cetin. Sie fürchtet, dass alles noch schlimmer wird. 

Menschen wie Andreas Wild, das sind auch Menschen wie Nicolaus Fest. Der frühere Vizechefredakteur der Bild am Sonntag ist im vergangenen Jahr in die AfD eingetreten. Auch er kandidiert für den Bundestag – allerdings in Charlottenburg-Wilmersdorf. Sein Programm ist nicht weniger radikal als das von Wild: alle Moscheen schließen, Kopftücher generell verbieten. Könnte sich die AfD mit solchen Forderungen durchsetzen, wäre nach dem Wunsch der Partei für Pinar Cetin kein Platz mehr in Berlin. "Ich kann mir eigentlich kein Leben woanders vorstellen. Aber manchmal denke ich, ob es vielleicht doch besser ist, wenn man zurückgeht. Aber wo ist eigentlich zurück?", sagt sie. Ob es ein konkretes Szenario für sie ist, Deutschland zu verlassen? "Darüber habe ich mit meinem Mann noch vor zwei Tagen gesprochen", sagt Pinar Cetin.

"Wir haben den sozialen Frieden zu bewahren"

Die Vorlage für die radikalen Forderungen der AfD haben ausgerechnet zwei Berliner Politiker der SPD geliefert. Als erfolgreiche Buchautoren und in zahlreichen Talkshowauftritten zeichneten der Ex-Bürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky, und Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin ein drastisches Bild von den Zuständen in Neukölln. Buschkowskys Nachfolgerin im Neuköllner Rathaus Franziska Giffey (ebenfalls SPD) klingt ähnlich. Auch sie benennt die Probleme in ihrem Bezirk und nimmt eine kritische Haltung gegen kriminelle Großfamilien oder Parallelgesellschaften ein. Doch vehement bezieht sie Stellung gegen die AfD, aus der ihr 16.000 Wähler einen hauptamtlichen Stadtrat zur Seite gestellt haben. "Solange ich politisch Verantwortung trage, sage ich diesen Leuten: Es kann nicht sein, dass sie einen Großteil der Bevölkerung unserer Stadt ablehnen", sagt Franziska Giffey leise, aber bestimmt. "Hier leben Menschen aus 150 Nationen, und wir haben den sozialen Frieden zu bewahren."

Der AfD hilft es, wenn die Menschen diesen Frieden bedroht sehen. Und wenn sich nur wenige bedroht fühlen, dann weist die Partei immer wieder auf eine vermeintliche Bedrohung hin. Mit dieser Methode hat sie 14,2 Prozent der Wählerstimmen bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im September 2016 erreicht. Der AfD-Landesvorsitzende Georg Pazderski spricht von: "Perception is reality – was man fühlt, ist auch Realität." Übersetzt würde das bedeuten: Haben die Menschen Angst vor Überfremdung, dann ist die Überfremdung auch real, egal welche Fakten dagegen sprechen.

"2021 haben wir einen AfD-Kanzler"

Landeschef Pazderski ist für das AfD-Strategiepapier zur Bundestagswahl mit verantwortlich. "Die AfD lebt gut von ihrem Ruf als Tabubrecherin", heißt es darin. "Für die Imagebildung sind nur wenige, sorgfältig ausgewählte und kontinuierlich bespielte Themen von Bedeutung. Sie müssen so aufbereitet und vermarktet werden, dass die AfD mit ihnen in der Öffentlichkeit identifiziert wird." Für ihre Provokationen und kalkulierten Skandale benötigt die AfD die Aufregung ihrer politischen Gegner als auch die der Medien.

So soll es nach dem Willen der AfD auch bis zur Bundestagswahl weitergehen. Strategische Spielwiese sind davor die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und im Saarland. Dem Berliner Abgeordnetenhaus als zehntes Landesparlament, in das die AfD im vergangenen September eingezogen ist, sollen weitere folgen. Doch das Beispiel von Lokalpolitiker Andreas Wild zeigt: Kaum ist ein AfD-Abgeordneter im Landesparlament angelangt, will er auch schon weiter. Landespolitik sei nicht so wichtig. Das sagen viele Mandatsträger der AfD hinter verschlossenen Türen. Auch Wilds Berliner Fraktionschef Pazderski denkt so. Der ehemalige Berufsoffizier liebäugelt mit dem Verteidigungsausschuss im Bundestag. Ihm geht es – wie so vielen in der AfD – um die großen Linien der Politik, nicht um den "Taumitteleinsatz bei Extremwetterlagen" in den Stadtteilen Reinickendorf oder Lichtenberg.

Auf seinem Weg nach oben wird Andreas Wild mitunter von Angriffen gewalttätiger Linksautonomen gestört. Sein Büro wurde attackiert, die Familie bedroht. Doch das bestärkt, wie er sagt. Er sieht sich im Kampf. Irgendwann steuere Deutschland auf einen Bürgerkrieg zu. Davon sind er und mit ihm viele in der AfD überzeugt. "In Neukölln zum Beispiel halte ich gewalttätige Auseinandersetzungen für möglich. Die Leute, die zu Deutschland gehören, und diejenigen, die nicht zu Deutschland gehören, werden sich in die Wolle kriegen", prophezeit Wild.

Seine gewalttätige Vision erinnert an den Plan, den der thüringischen Landesvorsitzende Björn Höcke in seiner Dresdner Rede kürzlich ausgegeben hat: "Wir werden uns unser Deutschland Stück für Stück zurückholen." Dafür wirbt der gläubige Katholik Wild überall. Schließlich könne man die "Menschen leichter mit seinen Positionen beglücken, wenn man mit ihnen im selben Karnickelzüchterverein oder Chor ist". Auch auf diese Weise versucht er die Mitglieder seiner Kirchengemeinde "Heilige Familie" im gut betuchten Steglitz-Zehlendorf zu vereinnahmen. Mit dem dortigen Männerchor ist er tief im CDU-Milieu verankert. Die Partei empfiehlt ihren Leuten ausdrücklich, sich in Vereinen und Verbänden zu engagieren.

Während Frauke Petry als eine der Bundesvorsitzenden derzeit die Rolle als Oppositionsfraktion beschwört, will Wild träumen dürfen. Ihm reicht die Oppositionsbank im Deutschen Bundestag nicht. "2021 haben wir einen AfD-Kanzler", behauptet er. Er lässt keinen Zweifel daran, wen er für geeignet hält: Björn Höcke ist sein Mann. In seiner kritisierten Dresdner Rede sagte der: "Wir werden so lange durchhalten, bis wir in diesem Land 51 Prozent erreichen." Die Parole ist klar erkennbar: weder Opposition noch Koalition, AfD über alles.

Unser Autor hat Andreas Wild mit zwei Kollegen für eine Fernsehdokumentation begleitet (hier online): rbb-Fernsehen, Dienstag, 21 Uhr: Die Stunde der Populisten – Die AfD greift nach der Macht, ein Film von Torsten Mandalka, Olaf Sundermeyer und Agnes Taegener.