Die Entscheidung des scheidenden SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel, nicht selbst als Kanzlerkandidat seiner Partei in den Bundestagswahlkampf zu ziehen, sondern seinem Parteikollegen Martin Schulz den Vortritt zu lassen, stößt bei einer großen Mehrheit der Bürger auf große Zustimmung. Laut einer Umfrage des Instituts Infratest dimap, die von der ARD für ihren Deutschlandtrend in Auftrag gegeben wurde, glauben 64 Prozent der Befragten, dass diese Kanzlerkandidatur eine gute Entscheidung ist. Von den SPD-Anhängern sind sogar 81 Prozent dieser Meinung. 79 Prozent der Bürger finden es gut, dass Gabriel dem früheren Präsidenten des Europaparlaments den Vortritt gelassen hat.

Allerdings geben 65 Prozent der Befragten an, nicht zu wissen, für welche Politik Schulz steht. Zudem finden es 45 Prozent problematisch, dass dieser bisher keine Erfahrung in der Bundespolitik hat. Allerdings sind etwas mehr als die Hälfte (51 Prozent) der Auffassung, dass der neue Kanzlerkandidat ein gutes Gespür für die Sorgen der Bürger haben wird.

Im Vergleich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel muss sich der Kandidat Schulz nicht verstecken. Würden die Bürger den nächsten Bundeskanzler direkt wählen, würden sich laut der Umfrage 41 Prozent der Befragten sowohl für Merkel als auch für ihren Herausforderer von der SPD entscheiden. Mehr als zwei Drittel (79 Prozent) attestieren Merkel die erforderliche Führungsstärke – bei Schulz tun dies 60 Prozent. Zudem halten 78 Prozent Merkel für kompetent, 68 Prozent dagegen Schulz. In puncto Glaubwürdigkeit liegen beide Kandidaten fast gleichauf: 65 Prozent bringen Schulz mit dieser Eigenschaft in Verbindung, 64 Prozent Merkel. Wenn es um die Beliebtheit der beiden geht, kann Schulz sogar die Kanzlerin schlagen. 63 Prozent der Befragten empfinden Merkel als sympathisch, bei Schulz sind es 69 Prozent.

SPD-Politiker Sigmar Gabriel erreicht da durchgängig schlechtere Werte als Schulz: Nur 39 Prozentpunkte bekommt er in der Kategorie "führungsstark", 53 Prozentpunkte bei "kompetent" sowie 40 für "glaubwürdig" und 45 für "sympathisch". Demnach scheint es gut zu sein, dass Gabriel seinem Pateikollegen den Vortritt gelassen hat. Über zwei Drittel der Bürger (79 %) befürworten dies. Schulz' Kandidatur soll auch für einen steigenden Umfragewert der SPD sorgen. Bei den letzten Ergebnissen kamen die Sozialdemokraten nur auf 20 Prozent.  

Kauder gibt sich gelassen

Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) gab sich trotz der Ergebnisse gelassen. Die Union müsse Schulz "überhaupt nicht" fürchten, sagte Kauder im ARD-Morgenmagazin. "Das ist ein Effekt, den man immer wieder beobachten kann, wenn jemand neu auf die Bühne tritt, dass er eine gewisse Sympathie bekommt." Die Union werde sich davon nicht beirren lassen.

Auch der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner, sieht die Erfolgschancen des neuen SPD-Kanzlerkandidaten  skeptisch. "Schulz hat bisher keine klaren politischen Konturen", sagte er der Nordwest-Zeitung. "Er ist bekannt geworden als Präsident des Europaparlaments. Mit Europa kann man aber keine Bundestagswahl gewinnen." Ein Hauptproblem der SPD sei, dass ihr nur noch etwa zehn Prozent der Menschen zutrauten, die Probleme in Deutschland zu lösen, sagte Güllner. "Die SPD hat ihre ökonomische Kompetenz verloren." Sigmar Gabriel habe es als Parteichef und Wirtschaftsminister versäumt, der SPD diese Kompetenz zu verschaffen.

Die Wahl des Deutschen Bundestages findet am 24. September 2017 statt. Angela Merkel (CDU) will sich um eine vierte Amtszeit als Bundeskanzlerin bewerben. Für die Grünen ziehen Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt in den Wahlkampf. Wen die AfD als Spitzenkandidaten ins Rennen schickt, ist noch offen. Die Linke setzt auf Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch.