Ins Kloster gehen, das heißt normalerweise: Ruhe suchen, Besinnlichkeit finden. Aber die CSU lässt ihre traditionelle Wintertagung nicht aus Gründen der Besonnenheit erstmals im Kloster Seeon stattfinden. Hier – wie sonst üblicherweise in Wildbad Kreuth – nutzen die Bundestagsabgeordneten der CSU die nachrichtenarme Zeit zwischen den Jahren für eine populistische Duftmarke. Doch dieses Jahr, neun Monate vor der Bundestagswahl, mit den Eindrücken aus 2016, den AfD-Wahlsiegen und dem islamistischen Terror, ist manches anders als sonst.

Das Leitmotiv für die Klausur war spätestens seit dem Abend des 19. Dezember klar – anders als in den letzten Jahren musste sich die CSU nichts Neues aus den Fingern saugen. Auf den islamistischen Anschlag vom Breitscheidplatz reagierten die Christsozialen mit Forderungen nach einer Obergrenze für Flüchtlinge, Sicherheitschecks, mehr Videoüberwachung und Kontrolle von Chats, schnelleren Abschiebungen, sicheren Herkunftsstaaten, längerer Abschiebehaft und Haft für Gefährder, Fußfesseln für Islamisten und manchem mehr. Einiges davon wird schon bald gesetzlich beschlossen; auf bestimmte Punkte könnten sich sogar SPD und Grüne verständigen.

Aus dem Lager Seehofers wird dieser Tage auch immer wieder eine Deutung an die Presse lanciert, die in etwa so lautet: "Das war der leisest mögliche Seehofer. Er hätte nach dem Anschlag von Berlin noch ganz anders gekonnt. Die CSU hält sich zurück, sie weiß, was im Wahljahr auf dem Spiel steht." Die CSU versucht, dramatisch mit der Tür zu knallen. So laut, dass die Botschaft rüberkommt, aber doch vorsichtig genug, dass das Geschirr im Schrank nicht zerplatzt.

Doch eine neue Erzählung für die Nachwelt könnte die CSU im Augenblick ganz gut gebrauchen. In Seeon sucht sie nach dem "Geist von Kreuth", gemeint ist die eigentlich wenig ruhmreiche Episode von 1976, als die CSU unter Parteichef Franz Josef Strauß die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU aufkündigte – und diesen Kreuther Trennungsbeschluss schließlich nach nur wenigen Wochen wieder kassierte. Dennoch ist Wildbad Kreuth über die Jahre zum Symbol der weißblauen Renitenz und Stärke geworden. Hier rebellierte die Partei auch gegen Stoiber, hier zündeten die Kampagnen zur "Ausländermaut" und "Wer betrügt, der fliegt". Doch der Geist von Seeon scheint noch nicht zu spuken.

Versöhnung, aber nicht um jeden Preis

Einerseits will Seehofer die Versöhnung mit der CDU vorantreiben. Er weiß, daran führt für eine erfolgreiche Bundestagswahl im September kein Weg vorbei. Andererseits will er das nicht um jeden Preis. Im Februar sollten sich eigentlich die Parteivorstände von CSU und CDU zum Friedensgipfel in München treffen. In Seeon sagt Seehofer vor Journalisten: "Die Präsidiumssitzung wird geplant, ist aber programmatisch und inhaltlich noch nicht finalisiert." So ein Treffen mache nur Sinn, wenn man sich dort geschlossen präsentieren könne. Er wolle nicht "zusammenkommen, um unterschiedliche Positionen auszutauschen".

Öffentlich kokettiert Seehofer darum auch weiterhin damit, keinen Koalitionsvertrag in Berlin zu unterschreiben, in dem das Wort "Obergrenze" fehlt. "Die Menschen sollen wissen, dass das nicht nur irgend ein Politikerversprechen ist, dass dann nach der Wahl wieder verschwindet", sagt Seehofer in Seeon. "Es ist mir ernst." Mit einer Kanzlerin Angela Merkel ist das aber kaum zu machen. Die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU steht streng genommen also auch in Seeon zur Disposition. Doch Seehofer will auch keine grenzenlose Eskalation. Zumal laut einer Umfrage die CSU-Anhänger der Kanzlerin offenbar mehr vertrauen als dem CSU-Chef. Was nach der Bundestagswahl wirklich in einem eventuellen Koalitionsvertrag steht, weiß heute noch keiner. Die Partei hält sich (zur eigenen Überraschung) an die Marschrichtung ihres Vorsitzenden: Rambazamba in der Flüchtlingsfrage ja, aber bitte keine persönlichen Angriffe mehr auf die Bundeskanzlerin.