Eine große, bange Frage schwebt über dem bald beginnenden Bundestagswahlkampf: Wie viele verunsicherte Bürger aus der Mittelschicht werden im September AfD wählen? Besonders die CDU steht dabei unter Beobachtung, obwohl bei den vergangenen Landtagswahlen auch ehemalige SPD-Wähler und selbst Anhänger der Linken und der FDP zu der rechtspopulistischen Partei übergelaufen sind.

Aber in gewissem Sinne ist die AfD, so wie die Linkspartei als quasi-Abspaltung der SPD, vor allem Fleisch vom Fleische der CDU – als Sammelbecken rechtskonservativer, teils aber auch rechtsextremer Bürger. Die Frage ist deshalb, inwieweit die Union Menschen mit konservativer Haltung noch binden kann.

Der Austritt der Bundestagsabgeordneten Erika Steinbach aus Partei und Fraktion am Wochenende könnte daher ein Warnzeichen für die Parteiführung sein. Er muss es allerdings nicht. Denn die im heutigen Polen geborene Frankfurterin, die vor allem als Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen immer wieder polarisierte, war mit ihren immer rechteren Positionen und ihrer Dauerkritik an Angela Merkel schon lange in der Partei und auch in der Unionsfraktion isoliert. Ihr Abgang, verbunden mit einer scharfen Abrechnung an der Parteivorsitzenden und Kanzlerin vor allem wegen deren Flüchtlingspolitik, ist daher eigentlich nur konsequent. Für die Bundestagswahl im Herbst wollte sie ohnehin nicht mehr kandidieren.

Und doch wirft der Abgang von Steinbach wieder einmal ein Licht darauf, wie wenig prominente konservative Stimmen es in der CDU noch gibt. Die Partei war immer stolz darauf, drei Wurzeln zu haben: liberal, christlich-sozial und eben konservativ. Doch diese Wurzel ist unter Merkel verkümmert.

Wehrpflicht, Atomkraft, Familienbild

In Zeiten von Alfred Dregger waren die Konservativen noch eine mächtige Kraft in der Partei, vor allem in Hessen und Baden-Württemberg. Aber die meisten konservativen Eckpfeiler – Wehrpflicht, Atomkraft, ein klassisches Familienbild, eine auf Abwehr gerichtete Einwanderungspolitik – wurden seit Merkels Amtsantritt eingerissen. Das beklagt auch Steinbach in ihrer Austrittserklärung. In den beiden Bundesländern regiert die CDU heute mit den Grünen. Eine Koaltion, die früher undenkbar war, nun aber sogar für den Bund eine Option ist.

Für Konservative, gar Rechtskonservative oder national Denkende, ist nicht mehr viel Platz in der Merkel-CDU. Das mag alle freuen, die sich für eine multipolare, weltoffene, pluralistische Republik einsetzen. Aber es hat eben zur Folge, dass die Union nicht mehr wie früher den rechten politischen Rand abdeckt; das tut allenfalls noch die CSU. Stattdessen ist dort Raum für die Rechtspopulisten entstanden.

Wenn Steinbach sich der AfD anschließt, die sie sofort lockte, wäre das nicht überraschend. Ob viele aus der CDU Steinbachs Beispiel folgen werden, ist jedoch fraglich. Dazu war sie zuletzt zu sehr marginalisiert. Wäre sie 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise ausgetreten, hätte das wohl mehr Aufsehen erregt.