Es heißt, Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz sei ein ausgesprochen prinzipientreuer Politiker. Zum Beispiel gelte das Prinzip, dass er Entscheidungen erst reiflich überlegt und dann nie mehr ändert. Die Entscheidung, den bisherigen Staatsrat Carsten Brosda zum Kultursenator zu befördern, bricht mit dieser Tradition. Eines der ehernen Scholz'schen Prinzipien war nämlich, dass unter ihm Staatsräte nicht zu Senatoren aufsteigen. So wollte er verhindern, dass sie die Arbeit der Vorgesetzten hintertreiben und wollte ihre Hoffnung zerschlagen, Kalifen anstelle des Kalifen zu werden.

Die Entscheidung für Brosda ist also eine erfreuliche Ausnahme – aus zwei Gründen: Zum einen ist es ja immer schön und überhaupt ein Beitrag zum Weltklima, wenn Prinzipienreiter sich mal locker machen. Zum anderen ist Brosda eine solide Wahl. Er gilt als fleißig, interessiert, schlau und umgänglich. Vor allem aber hat der 42-Jährige den Job bereits seit einem Jahr gemacht, als Stellvertreter der schwer kranken Barbara Kisseler. Zeit genug, um sich in der Kulturszene Sympathien zu erwerben: Je länger die Berufung auf sich warten ließ, desto häufiger hörte man aus vielen Ecken, der Bürgermeister solle doch einfach den kompetenten Staatssekretär ranlassen.

Nun mag es aber auch sein, dass die Ernennung Brosdas das Resultat einer fruchtlosen Suche ist. Die lange Zeit bis zur Entscheidung spricht dafür, dass Scholz zunächst versucht hat, eine Senatorin zu finden, die in die Fußstapfen der verstorbenen Kisseler hätte treten können. Es dürfte ihm schwergefallen sein. Eine kulturaffine, am besten noch elegante Dame jenseits der 60 – so stellt man sich im kulturkonservativen Hamburg die idealtypische Kultursenatorin vor – die Charisma, Verwaltungswissen und Erfahrung in politischen Ämtern hat: Auf das Anforderungsprofil passen im deutschsprachigen Raum höchstens eine Handvoll Frauen. Und die sitzen auf Posten, die zu attraktiv sind, um sie für die zwei Jahre Restzeit bis zur nächsten Wahl fahren zu lassen.

Kurzum: Mit Brosda hat Scholz eine erstklassige Notlösung gefunden. Dass die gute alte Hamburger Kultursenatorin nun ein Senator ist, mag die Quotenregelung des schwarz-grünen Senats aushebeln. Aber auch hier gilt: Prinzipienreiterei nervt. Und warum sollen überhaupt Politikerinnen immer bloß die vermeintlich weichen Ressorts wie Bildung, Familie, Kultur bekommen? Der nächste Finanz- oder Innensenator könnte ja auch mal eine Frau werden.