ZEIT ONLINE: Frau Göring-Eckardt, in der Diskussion um den Kölner Polizeieinsatz zu Silvester steht vor allem die grüne Parteichefin Simone Peter in der Kritik. Sie hatte gefragt, ob es verhältnismäßig war, Menschen nach ihrem Aussehen zu kontrollieren. Die Grünen-Führung hat sich davon scharf distanziert. Was ist falsch an Peters Frage?

Katrin Göring-Eckardt:Simone Peter hat gestern der Kölner Polizei noch ihren Dank ausgesprochen. Dass die Polizei nicht alles richtig gemacht hat, sagen die Beamten selbst. Höchste Sensibilität in Bezug auf Rassismus bleibt für uns absolut zentral. Ich bin froh, dass die Polizei in Nordrhein-Westfalen diese Sensibilität selbst und sehr schnell zeigte.

ZEIT ONLINE: Man könnte den Eindruck gewinnen, dass kritische Fragen in Ihrer Partei nicht mehr erlaubt sind und den Grünen mehr daran gelegen ist, ihre Bürgerlichkeit zu betonen und der herrschenden Meinung zu entsprechen. Sind die Grünen noch eine linke Partei?

Göring-Eckardt:
Sicherheit ist ein Anliegen linker Politik. Sicherheit muss unabhängig vom Geldbeutel, Wohnort und Herkunft gewährleistet werden. Links ist es gleichzeitig, Polizeiarbeit zu hinterfragen. Wir wissen aber auch, dass es Erfolg in der Sicherheitspolitik nur mit der Polizei und den anderen Sicherheitsbehörden gibt, nicht gegen sie. Wenn sich ein Polizeipräsident nach einem insgesamt erfolgreichen Einsatz selbst fragt, ob alles richtig gelaufen ist, dann ist das die Umsetzung von linker Politik.

ZEIT ONLINE: Der Terrorist Anis Amri hat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt zwölf Menschen getötet und viele verletzt. Er war als gefährlich bekannt. Was muss sich ändern?

Katrin Göring-Eckardt: Ich erwarte umfassende Aufklärung vom Bundesinnenministerium: Gab es ein Versagen der Sicherheitsbehörden? Der Fall Amri wurde mehrmals im Gemeinsamen Terrorabwehrzentrum aufgerufen. Wurden Konsequenzen gezogen und wenn nein, warum nicht? Wie konnte ein Gefährder unter Beobachtung diesen Anschlag begehen? Das Parlament muss umfassend informiert werden. Die aktuellen Forderungen der Union in der Sicherheitsdebatte sind nur ein billiges Ablenkungsmanöver. CDU und CSU tragen seit über zehn Jahren Verantwortung für die innere Sicherheit in unserem Land. Jetzt scheinen sie das offenbar vergessen machen zu wollen und kramen alte, wenig zielführende Forderungen hervor, die sie selbst nie angegangen sind.

ZEIT ONLINE: Die Grünen blockieren im Bundesrat ein Gesetz, das Amris Herkunftsland Tunesien als sicher erklären würde. Somit wären Asylanträge pauschal unbegründet und schneller abgelehnt. Bleiben Sie dabei, dass das Vorgehen Ihrer Partei richtig ist?

Katrin Göring-Eckardt: Die Herkunftsstaaten sind ein Glaubenssatz der Flüchtlingspolitik der Union geworden. Es darf nicht übersehen werden, dass eine Einstufung Tunesiens als Sicheres Herkunftsland in diesem Fall nichts gebracht hätte. Die Auslieferung von Anis Amri ist ja offenbar schlicht deshalb gescheitert, weil Tunesien nicht bereit war, die Papiere für seine Rückkehr auszustellen. Hier hätte das unionsgeführte Ministerium nachhaken müssen. Und zur beschleunigten Bearbeitung von Asylanträgen haben wir als bessere und effektivere Alternative ein Fast-and-Fair-Modell vorgeschlagen. Die CSU blockiert es leider.

ZEIT ONLINE: Die Grünen entscheiden per Mitgliederentscheid, welche beiden Kandidaten sie in die Bundestagswahl führen. Als einzige Bewerberin für den Frauenplatz sind Sie schon gesetzt. Glück oder Bürde?

Katrin Göring-Eckardt: Mir wäre lieber gewesen, ich hätte eine Gegenkandidatin gehabt. 2012 bin ich bei der Urwahl gegen Claudia Roth und Renate Künast und damit gegen zwei sehr starke Kandidatinnen angetreten, diesmal fehlt mir leider diese Konkurrenz. Aber jetzt ist es so und ich kann es nicht ändern. Wichtig ist, dass wir ein starkes Duo wählen, das in einem harten Wahlkampf nach außen und innen Orientierung gibt.

ZEIT ONLINE: Sie brauchen nur die Stimme eines Mitglieds, um gewählt zu sein. Ihre Kritiker bezweifeln ob das so demokratisch ist. Vor allem weil sich daneben drei Männer um den zweiten Platz streiten.

Göring-Eckardt: Ich kämpfe um ein gutes Ergebnis. Und für die Quote. Was mich etwas nervt ist, dass nun Einzelne den festen Frauenplatz im Spitzenteam infrage stellen. Wir müssen zu unseren frauenpolitischen Errungenschaften stehen – unabhängig davon, wie viele Kandidatinnen es diesmal gibt.

ZEIT ONLINE: Auch bei der letzten Bundestagswahl waren Sie Spitzenkandidatin der Grünen. Was wird dieses Mal anders?

Göring- Eckardt: Wir Spitzenkandidaten müssen uns mehr mit dem Alltag der Menschen, auch über unser Milieu hinaus, beschäftigen. Politik muss mehr kommunizieren. Eine Rede von der Bühne herunter funktionierte schon 2013 nur zum Teil. Heute freue ich mich auf einen Haustürwahlkampf und mehr Diskussionen auf Augenhöhe.

ZEIT ONLINE: 2013 haben Sie nicht an den Türen geklingelt?

Göring-Eckardt: Nein, leider nicht, ich war lange skeptisch, weil ich mich gefragt habe, wie ich das denn finden würde, wenn da jemand an meiner eigenen Tür klingelt und dann Werbung für sich machen will. In den Landtagswahlkämpfen des vergangenen Jahres habe ich gelernt: An der Haustür merken die Menschen, dass es uns wirklich ernst ist.

ZEIT ONLINE: Welchen Wahlkampffehler wollen Sie auf keinen Fall wiederholen?

Göring-Eckardt: 2013 waren wir zu selbstgewiss, im Hinblick auf unser Programm und im Hinblick auf den potenziellen Koalitionspartner. 2017 wird das Jahr, in dem wir fest in den Grundüberzeugungen, aber flexibel bei der Umsetzung werden müssen. Ich will nicht noch mal den Fehler erleben, dass wir ein Wahlprogramm auf eine Wunschkoalition hin schreiben. Wir werden uns mit den großen Fragen der Zeit genauso befassen wie mit den Alltagssorgen der Menschen. Dazu werden wir Antworten und Orientierung geben und Mut und Optimismus ausstrahlen, aber nicht wieder den Taschenrechner auspacken.

ZEIT ONLINE: Passt dazu das recht unkonkrete Modell "Vermögenssteuer für Superreiche", das Sie auf Ihrem Parteitag beschlossen haben? Für die CSU ein Beleg für den Linksruck, für Linke eine Worthülle ohne Inhalt.

Göring-Eckardt: Wir haben beschlossen, der starken Vermögensungleichheit mit einer verfassungsfesten, ergiebigen und umsetzbaren Vermögenssteuer für Superreiche entgegenzuwirken. Dabei werden wir besonderen Wert auf den Erhalt von Arbeitsplätzen legen. Wichtig sind uns die Leitlinien, die in unserem Beschluss zum Ausdruck kommen. Über die Details wird dann in Koalitionsverhandlungen gerungen.

ZEIT ONLINE: Bei vielen Wählern, die den Grünen nahestehen, ist Angela Merkel sehr beliebt. Sie überlegen, 2017 erstmals der Union ihre Stimme zu geben. Droht Ihnen da eine Wählergruppe wegzubrechen?

Göring-Eckardt: Bei diesen Wählern ist die Angela Merkel vom Herbst 2015 gut gelitten. Die gibt es aber nicht mit der CDU und der CSU. Nur die Grünen sind eine Garantie für eine Politik der Willkommenskultur und der offenen Wertegesellschaft. Die CDU schiebt nach Afghanistan ab und hat den Familiennachzug eingefroren.

ZEIT ONLINE: Das klingt jetzt nach einer Zweitstimmenkampagne für die Bundestagswahl: "Wählen Sie die Grünen als Korrektiv zur CDU".

Göring-Eckardt: Quatsch, es ist andersherum: Die Leute, die sich darüber gefreut haben, dass Deutschland so friedlich und frei auf Zuwanderung reagiert hat, können jetzt nicht mehr Union wählen. Denn Angela Merkel wird nicht als Person zur Wahl stehen, sondern ihre zugleich ängstliche und altmustrige Partei. Für Liberale und Weltoffene müsste diese Union eigentlich unwählbar sein.