Martin Schulz hat gern von seinen Gesprächen mit Angela Merkel erzählt. Früher, als er noch fernab in Brüssel und in Straßburg präsidierte. Neun Tage ist das erst her. Und doch scheint eine Ewigkeit vergangen.

In den vergangenen Jahren lud ihn die Kanzlerin von Zeit zu Zeit zum Tee, gelegentlich haben sie auch miteinander telefoniert, vor allem dann, wenn in Europa wieder einmal eine knifflige Lage zu lösen war. Und die gab es ja oft. Bei diesen Gesprächen hat Schulz Merkel aufmerksam studiert. Ihren Machtsinn, ihr strategisches Vermögen, auch ihre Überzeugungen. Er hat in diesen Jahren, während all der Krisen, großen Respekt vor ihr gewonnen, aber er kann auch herrlich spotten. Über "Mutti" und den Pflaumenkuchen, den sie in besonders heiklen Situationen servieren ließ, um ihn, den europäischen Sozi, auf ihre Seite zu ziehen.

Mit dem gemeinsamen Teetrinken ist es nun vorbei. Und auch den Hinweis darauf, wie gut er in Berlin vernetzt ist, kann sich Schulz künftig sparen. Er ist jetzt mittendrin in dem Getümmel, das er bislang aus sicherer Entfernung verfolgt hat. Kanzlerkandidat und SPD-Vorsitzender. Wenn die SPD so mitspielt, wie sich das Sigmar Gabriel ausgedacht hat. Was für eine Karriere!

Zu grob, zu ungelenk, zu wenig gewinnend

Martin Schulz ist aufgestiegen against all odds, so würden die Amerikaner seinen erstaunlichen Weg beschreiben. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Schulz war Alkoholiker und Europapolitiker, er war niemals Minister, noch nicht einmal Bundestagsabgeordneter. Das einzige Amt, das er in Deutschland innehatte, war der Posten als Bürgermeister in seiner Heimat Würselen, einer Stadt mit 38.000 Einwohnern.

Andere Handicaps kamen hinzu. Es ist erst ein paar Jahre her, da zögerten die Fernsehsender, Schulz überhaupt einzuladen. Zu grob, zu ungelenk, zu wenig gewinnend wirkte er auf dem Bildschirm. Man kann sich das heute kaum noch vorstellen, zuletzt war Schulz an manchen Tagen ja erst im Frühstücksfernsehen, später im heute-journal und schließlich bei Anne Will zu Gast. Die andauernde Präsenz in den Medien war für ihn auch ein Mittel, um die Distanz zwischen seinem Dienstort in Brüssel und der deutschen Politik zu überbrücken.

Martin Schulz, der gern Fußballprofi geworden wäre, bevor ihn eine böse Verletzung aus der Bahn warf, hat zäh an sich gearbeitet. An seinem Auftritt, an seiner Sprache, aber er hat sich selbst dabei nicht verleugnet. Wie viele Menschen, denen die Anerkennung und der Erfolg nicht schon an der Wiege gesungen wurden, hat er bei allem Ehrgeiz ein feines Sensorium für den eigenen Aufstieg behalten und die Unwägbarkeiten, die ihn begleiten.