Martin Schulz steht vor der SPD-Fraktion und strahlt über das ganze Gesicht. Seine rote Krawatte blitzt im Licht der Fotografen. Die Abgeordneten haben sich erhoben und klatschen ihm minutenlang zu. Wie sehr Schulz seinen Auftritt am Mittwochmorgen genießt, ist nicht zu übersehen.

Rechts und links vom designierten Kanzlerkandidaten stehen zu Beginn der eigens einberufenen Sondersitzung Sigmar Gabriel, seit Kurzem scheidender SPD-Chef, sowie Fraktionschef Thomas Oppermann. Zwei gestandene Insider des Berliner Politikbetriebs.

Doch die ganze Hoffnung ruht nun auf ihm, dem ehemaligen Bürgermeister aus Würselen bei Aachen, der nie im Bundestag saß, der stattdessen in Brüssel Karriere gemacht hat. Ein Außenseiter soll die deutsche Sozialdemokratie retten.

Plötzlich wahlkampfmotiviert

Nicht nur Schulz' Stimmung ist an diesem Tag ausgezeichnet. Auch die Laune der Genossen ist jetzt mindestens dreimal so gut wie noch vor 24 Stunden, als die meisten noch dachten, Gabriel würde den Wahlkampf führen. Die Kränkung, dass sie von dem geplanten Wechsel an der Parteispitze zunächst aus den Medien und erst kurz darauf von Gabriel persönlich erfuhren, ist fast verschmerzt – auch wenn Oppermann noch einmal darauf zu sprechen kommt.

Aber die meisten Abgeordneten wollen jetzt nach vorne blicken. Von "Aufbruchstimmung" berichtet Oppermann, andere Sozialdemokraten äußern sich ebenfalls euphorisch. Manch einer hatte gefürchtet, bei einem schlechten SPD-Ergebnis nach der Bundestagswahl sein Mandat und damit seinen Job zu verlieren. Nun scheint es plötzlich sogar möglich, Sitze im Parlament dazuzugewinnen.

Der Passauer Abgeordnete Christian Flisek erzählt, allein in den vergangenen Stunden seien zahlreiche E-Mails und Anrufe beglückter und höchst wahlkampfmotivierter Sozialdemokraten in seinem Büro eingegangen. Von einem "Bernie-Sanders-Effekt" spricht ein Mitglied der Parteiführung gar – und meint das positiv, obwohl der Präsidentschaftsbewerber der amerikanischen Demokraten es am Ende bekanntlich nicht besonders weit brachte.

Sie wollen Schulz anfassen

Sanders gilt nach dem Sieg Donald Trumps über Hillary Clinton vielen allerdings als "guter Populist", als einer, der die Abneigung der Wähler gegenüber dem politischen Establishment früh erkannt hat. Schulz wird am Mittwoch dafür gelobt, dass er auch dank seiner schwierigen Biografie besonders gut auf Menschen zugehen könne. "Manche Leute haben das regelrechte Bedürfnis, ihn anzufassen, wenn sie ihn treffen, weil er so nahbar ist", heißt es.

Wofür der Kanzlerkandidat in spe inhaltlich steht, wird wohl seine erste programmatische Rede zeigen, die er am Sonntag vor dem Parteivorstand halten will. Schulz will, das betont er seit Monaten und wiederholte es auch in seinem Vorstellungsgespräch vor der Fraktion, vor allem Politik machen für die, die "hart arbeiten", "sich an die Regeln" halten und daher Respekt und soziale und finanzielle Sicherheit verdienten. Was dies aber konkret bedeutet, hat der Kanzlerkandidat bisher offen gelassen.

Viele Parteilinke haben wohlwollend registriert, dass Schulz in seiner ersten Ansprache im Willy-Brandt-Haus am Dienstagabend betonte, mit ihm werde es "kein Bashing gegen Europa und keine Hatz gegen Minderheiten" geben. Das war ein Versprechen – auch an die Gabriel-Gegner in den eigenen Reihen. Denn dass der scheidende SPD-Vorsitzende sich einst über griechische Rentner mokierte oder Überlegungen zu einer Obergrenze für Flüchtlinge anstellte, hatte vielen von ihnen nicht gefallen.

Zwar hatte auch Gabriel vehement gegen den Rechtspopulismus gekämpft, doch zuletzt war eher hängen geblieben, dass er "Nafri" für eine zutreffende Beschreibung der Realität hielt. Wenn hingegen Schulz sagt, die SPD müsse künftig ein "Schutzwall" gegen die Feinde der Demokratie sein, dann kann man förmlich spüren, dass sich junge Genossen schon überlegen, wie sie an diesem Wall mitbauen könnten.