Um halb acht am Dienstagabend steht das Präsidium der SPD in der Parteizentrale unter dem Bronze-Ellenbogen der überlebensgroßen Büste von Willy Brandt. Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ist da, die im Mai einen wichtigen Landtagswahlkampf zu bestreiten hat. Und auch Parteivize Olaf Scholz, der stellvertretende Parteichef Ralf Stegner und Generalsekretärin Katarina Barley, sowie Familienministerin Manuela Schwesig haben sich eingefunden. Mit ernstem Gesicht lauschen sie den Ausführungen von Martin Schulz und Sigmar Gabriel, die sich in einer spontan einberufenen Pressekonferenz äußern.

Man würde gerne ihre Gedanken lesen. Denn Gabriel hat eine radikale Entscheidung getroffen und damit viele überrascht, manche gar verärgert. Er verzichtet auf die Kanzlerkandidatur, zieht sich vom Parteivorsitz zurück und schlägt für beide Funktionen Martin Schulz vor. Diesen überraschenden Schritt hat er allerdings nicht etwa in der Sitzung der Parteigremien oder vor der Bundestagsfraktion bekanntgegeben, sondern in einem langen Gespräch mit der ZEIT und in einem Interview mit dem Stern.

Über Gabriels Pläne, die nach Informationen der ZEIT bereits seit dem Sommer gereift sind, wussten nur sehr wenige Bescheid. In den vergangenen Tagen hatte es in der SPD-Spitze daher Unmut gegeben. Der Chef solle endlich sagen, ob er es mache oder nicht, lautete die Kritik. Am Montag wurde für den folgenden Nachmittag um 17 Uhr eine Krisensitzung von Parteipräsidium und -vorstand einberufen.

Heiko Maas wollte es nicht glauben

Dienstagmorgen spätestens waren sich viele allerdings nicht mehr sicher, was vor sich geht. Um 14.30 Uhr, zu Beginn der Fraktionssitzung, machte im Bundestag dann plötzlich ein Foto die Runde. Es zeigt das Cover des neuen Stern, der gerade gedruckt wurde und erst am Mittwoch erscheint. "Der Rücktritt" steht da – daneben das Konterfei von Gabriel. Die Genossen waren sprachlos. Die meisten waren schließlich bis zuletzt davon ausgegangen, dass der Parteichef trotz aller Kritik Kanzlerkandidat wird.

Fraktionschef Thomas Oppermann verweigerte den wartenden Journalisten zunächst die Auskunft. Er musste sich sortieren. Später gesteht er: Auch wenn er seit längerer Zeit gewusst habe, dass Gabriel zweifelte, ob er der richtige Kandidat ist, wusste er von den Interviews nichts. Justizminister Heiko Maas glaubte gar an einen Scherz. Als ihm Journalisten das Coverbild mit Gabriel zeigten, fragte er, ob es sich um Fake-News handle. Auch Umweltministerin Barbara Hendricks bekannte, völlig ahnungslos zu sein.

In der Parteiführung sind manche außer sich, weil sie von dem für die SPD so gravierenden Schritt erst aus den Medien erfuhren. So war es aber nicht geplant. Gabriel hatte am Nachmittag die Parteigremien informieren wollen – das vorzeitige Bekanntwerden des Stern-Titelbildes soll ihn sehr verägert haben.

Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz und die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft seien sowieso schon früher im Bild gewesen, deutet Gabriel am Abend in der Pressekonferenz an. Mit Schulz habe er bereits am vergangenen Samstag gesprochen und ihm die Kanzlerkandidatur angetragen.

Vor diesem Hintergrund ist es besonders absurd, dass in der SPD seit Sonntag vor allem über den Hamburger Olaf Scholz als Überraschungskandidaten geraunt wurde – und nicht über Schulz. Ein Indiz dafür, wie hoch die Zahl der Sozialdemokraten ist, die ihre ganz eigenen Interessen verfolgen. Auch das war wohl ein Grund dafür, warum Gabriel so wenige über seine Pläne informierte: Wäre der Kreis der Mitwisser größer gewesen, wären seine Überlegungen wohl schnell publik geworden.