Misst man die Wahl des neuen Bundespräsidenten an dem wochenlangen Gezerre vor der Nominierung von Frank-Walter Steinmeier, so geht es an diesem Sonntag fast rasend schnell. Gerade mal zwei Stunden nach Eröffnung der Bundesversammlung durch Bundestagspräsident Norbert Lammert hat Steinmeier sein neues Amt schon angenommen – mit dem Zusatz "sehr gerne sogar".

Im Reichstagsplenum reicht Thomas Oppermann dem frisch gekürten Bundespräsidenten, der am 19. März sein Amt antreten wird, die Hand, Martin Schulz umarmt ihn brüderlich, Kanzlerin Angela Merkel überreicht Steinmeier einen Blumenstrauß, selbst die AfD-Politiker Frauke Petry und Jörg Meuthen reihen sich nach einigem Zögern unter die Gratulanten.

Ein Wahlgang hat gereicht, um Steinmeier zum künftigen Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland zu machen: Er bekommt 931 von 1.239 gültigen Stimmen – und damit genau 300 mehr, als nötig gewesen wären.

Abweichler stimmten für AfD und Linkspartei

Wenn aber alle Delegierten von Union, SPD, FDP und Grünen, also den Parteien, deren Vorsitzende für Steinmeier als Bundespräsidenten geworben hatten, für Steinmeier gestimmt hätten, wären es deutlich mehr gewesen. 103 Enthaltungen gibt es.

Auch der Kandidat der AfD, der hessische Kommunalpolitiker Albrecht Glaser, hat fünf Stimmen mehr erhalten, als seine Partei Delegierte hat. Der Vertreter der Linkspartei, Christoph Butterwegge, bekam 33 Stimmen mehr als gedacht. Einige linke Grüne hatten angekündigt, ihn zu wählen – vielleicht hat auch der ein oder andere Sozialdemokrat, der Steinmeier die Agenda 2010 noch nicht verziehen hat, sein Kreuz bei dem Armutsforscher gemacht. Sicher wird man es nicht herausfinden, auch nicht, ob die vielen Enthaltungen aus dem Unionslager stammen. Die Wahl des Bundespräsidenten ist geheim. Der Kandidat der Freien Wähler, der Richter Alexander Hold, und der Vater des Komikers Martin Sonneborn, der für die Piratenpartei angetreten war, erhielten nur 25 beziehungsweise 10 Stimmen.

Steinmeier ist der erste SPD-Bundespräsident seit 18 Jahren. Zuletzt wurde 1999 mit Johannes Rau ein Genosse in dieses Amt gewählt. Steinmeiers erster Gratulant an diesem Tag ist daher auch Nochparteichef Sigmar Gabriel, der in der Bundesversammlung neben Steinmeier in der ersten Reihe steht. Er strahlt nicht weniger als der Gewählte. Ist es doch nicht zuletzt seiner Chuzpe und seinem Spielersinn zu verdanken, dass es zu dieser Wahl kam. Als "sein Abschiedsgeschenk an die SPD" hatte Gabriel die Wahl Steinmeiers am Vortag bezeichnet.

Ein weniger guter Tag ist dieser 12. Februar indes für Merkel, die mit recht angespanntem Gesicht zuhört, als Steinmeier sich später bei den Delegierten für seine Wahl bedankt. An der Persönlichkeit des Gewählten dürfte das kaum liegen. Denn dass sie Steinmeier tatsächlich vertraut, wie sie tags zuvor vor ihren Wahlleuten versicherte, daran gibt es wenig Zweifel. Der neue Bundespräsident war ihr Vizekanzler und insgesamt acht Jahre lang ihr Außenminister. In ihrem nüchternen Pragmatismus, in ihrem lösungsorientierten, unpathetischen Politikstil sind beide sich ähnlich, konnten gut miteinander. Gleichwohl markiert Steinmeiers Wahl zum Bundespräsidenten nun eine der härtesten Niederlagen in Merkels Kanzlerschaft.

Deutschland - Steinmeier wird neuer Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist im ersten Wahlgang zum Nachfolger von Joachim Gauck als Bundespräsident gewählt worden. In der Bundesversammlung erhielt der bisherige Bundesaußenminister eine deutliche Mehrheit von 931 Stimmen. © Foto: Sean Gallup / Getty Images