Die Union ist nicht dafür bekannt, eine besondere Vorliebe für die Frauenquote zu haben. Die Geschlechterquote in Aufsichtsräten von Unternehmen etwa musste SPD-Familienministerin Manuela Schwesig gegen erbitterten Widerstand der Konservativen hart erkämpfen.

Daher ist es bemerkenswert, dass der Großstadtbeauftragte der Unionsfraktion das Instrument jetzt neu entdeckt hat. Und zwar im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise. In einem Positionspapier, das am Donnerstag veröffentlicht wurde, fordert Kai Wegner, der bis vergangenes Jahr auch Generalsekretär der Berliner CDU war, eine "Geschlechterquote bei der Einreise von Flüchtlingen".

Unter den Flüchtlingen gebe es viel zu viele junge Männer, so Wegners Analyse. "Dies kann zu Frustration und aggressivem Verhalten führen". Deswegen sollten künftig nur noch ebenso viele Männer nach Deutschland einreisen dürfen wie Frauen. Wegner ist überzeugt: Das hätte auch den Effekt, dass die Zahl der Flüchtlinge insgesamt sinke. Schließlich kämen viel weniger Frauen als Männer als Flüchtlinge nach Deutschland, ergo müsse man insgesamt weniger Menschen aufnehmen.

Viele Männer haben Familien

Es ist ein Vorschlag, der gleich in mehrfacher Hinsicht abstrus ist. Das gilt zum einen für den analytischen Teil. "Ein Überschuss an Männern kann eine Gesellschaft aus dem Gleichgewicht bringen", schreibt Wegner und nennt als Beispiele Indien und China. Ganz so, als drohe das Geschlechterverhältnis der deutschen Gesellschaft insgesamt aus dem Lot zu geraten.

Außerdem scheint Wegner zu unterstellen, dass Flüchtlinge sich nur unter ihresgleichen Partner suchen könnten, wenn er besorgt "gerade in den jungen Altersgruppen" ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis schaffen will. Der Vorschlag ignoriert zudem, dass viele der Männer gar nicht alleinstehend sind. Sie haben zu Hause Frau und Kinder, die nachzuholen die deutsche Politik ihnen derzeit allerdings sehr schwer macht.

Ein Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz

Gewichtiger als solche Ungereimtheiten sind allerdings die rechtlichen Gründe, die gegen die Idee sprechen. Denn es ist keineswegs so, wie Wegner zu meinen scheint, dass Deutschland an der Grenze einfach auswählen kann, wen man denn nun hereinlassen möchte.

Vielmehr ist jeder EU-Staat verpflichtet, bei jedem Asylantrag zumindest zu prüfen, in welchem Land dieser gestellt werden muss. Menschen allein aufgrund ihres Geschlechts die Möglichkeit zu verweigern, überhaupt einen Asylantrag zu stellen, ist mit dem europäischen Asylrecht nicht vereinbar und wäre zudem ein schwerer Verstoß gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung.

Denkbar wäre eine Auswahl nach Geschlecht höchstens in einem ganz anderen Fall: Wenn europäische Länder freiwillig eine bestimmte Anzahl von Flüchtlingen aus außereuropäischen Flüchtlingslagern einreisen lassen (sogenannte Kontingente), dann können sie natürlich Kriterien dafür festlegen, wer kommen soll. In diesem Fall könnten Frauen und Kinder bevorzugt berücksichtigt werden, weil sie als besonders schutzbedürftig gelten. Doch das ist etwas ganz anderes als eine Zurückweisung an der Grenze.

Vorerst ist Wegners Vorstoß nur eine Einzelmeinung. Wegner will ihn nun aber in der Unionsfraktion diskutieren. Bleibt zu hoffen, dass er dort schnell als das erkannt wird, was er ist: ziemlicher Unsinn.